Predigt vom Sonntag, 8. November 2020

Predigt über 1. Thessalonicher 5,1-11     Versöhnungskirche Schorndorf
Drittl. So. im Kirchenjahr, 8. Nov. 2020,            Pfr. i.R. Rainer Härer

Wochenspruch:
Selig sind, die Frieden stiften;
denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Matthäus 5,9


1.    Thessalonicher 5,1-11        Der Tag des Herrn

01    Von den Zeiten und Stunden aber, liebe Brüder,
        ist es nicht nötig, euch zu schreiben;
02    denn ihr selbst wisst genau,
        dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht.
03    Wenn sie sagen werden:
        Es ist Friede, es hat keine Gefahr -,
        dann wird sie das Verderben schnell überfallen
        wie die Wehen eine schwangere Frau,
        und sie werden nicht entfliehen.
04    Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis,
        dass der Tag wie ein Dieb über euch komme.
05    Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages.
        Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.
06    So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern,
        sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.
07    Denn die schlafen, die schlafen des Nachts,
        und die betrunken sind, die sind des Nachts betrunken.
08    Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein,
        angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe
        und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.
09    Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn,
        sondern dazu, das Heil zu erlangen
        durch unsern Herrn Jesus Christus,
10    der für uns gestorben ist, damit,
        ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben.
11    Darum ermahnt euch untereinander,
        und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.



Liebe Gemeinde,
im Jahr 212 vor Christus hallte ein Schreckensruf durch die Stadt Rom: »Hannibal ante portas – Hannibal steht vor den Toren!« Der Eroberer aus Karthago in Nordafrika war mit einem Riesenheer und 37 Kriegselefanten über die Alpen gezogen. Und nun stand er vor den Toren Roms. Damit hatte man in der Hauptstadt des Römerreiches nie gerechnet. Hier hatte man bisher in Frieden und ohne äußere Gefahr leben können. – Nachdem man zunächst vor lauter Schreck ziemlich gelähmt war, ist es den Römern aber dennoch gelungen, Hannibal zu besiegen und zu verjagen.

»Christus steht vor den Toren!« - schreibt der Apostel Paulus 261 Jahre später an die Christen in Thessalonich. Ist das auch so ein Schreckensruf wie einst in Rom? Jesus Christus kommt wieder, zu richten die Lebenden und die Toten. So bekennen wir im Glaubensbekenntnis. Für die, die davon nichts wissen wollen, wird sein Kommen Schrecken sein.

Aber dass unser Herr wiederkommt, ist für uns, die wir an ihn glauben, kein Schreckensruf, sondern lauter Freude. Diese Nachricht will uns nicht lähmen, sondern uns auf die große Hoffnung hinweisen, die Christen von Anfang an haben: Jesus kommt wieder! Er kommt zurück auf diese Erde. Und darauf sollten wir uns einstellen – wach und nüchtern und hoffnungsfroh. Dazu möchte uns auch der Predigttext aus 1. Thessalonicher 5,1-11 ermutigen.

Drei Überschriften:   
1. Woraufhin Christen leben.
2. Wie Christen leben.
3. Wovon Christen leben.
 

1.  Woraufhin Christen leben
Ganz selbstverständlich und gewiss sagt der Apostel Paulus im Blick auf den »Tag des Herrn«, auf das Wiederkommen von Jesus: „Von den Zeiten und Stunden ... ist es nicht nötig, euch zu schreiben“ (1). Wie gesagt, das scheint heute ganz anders zu sein:

Man fragt auch unter Christen kaum noch: Wann kommt Jesus wieder auf die Erde zurück? Und wie wird das dann vor sich gehen? Heute rechnet man damit gar nicht mehr, dass Jesus als Mächtiger wiederkommt. Man kann sich so etwas ja gar nicht vorstellen!

Paulus dagegen schreibt, als ob es die selbstverständlichste Sache von der Welt wäre: „Ihr selbst wisst genau“ (2). Was denn, lieber Paulus? Was wissen wir genau?
Antwort: Dass dieser »Tag des Herrn« kommt, der Tag unseres Herrn Jesus Christus. Am Ende dieser Weltzeit und dieser Schöpfung, die einmal zu Ende gehen wird, da steht nicht die totale Katastrophe, sondern der wiederkommende Jesus Christus, der sein Werk vollenden wird, mit uns und unserer Erde. Jesus ist und bleibt der Herr der Geschichte. Trotz aller düsteren Zukunftsaussichten. Trotz aller Gefahren wie die Coronakrise, Überbevölkerung und Klimakatastrophe, die die Menschheit bedrohen.

Freilich, trotz allem bleibt die Mahnung zur Wachsamkeit. Denn im Blick darauf, dass Jesus wiederkommt, da drohen immer wieder zwei Gefahren:
Dass man nicht damit rechnet und einfach so lebt. Oder dass man den Termin der Wiederkunft Jesu berechnen will – wie es immer wieder Sekten und religiöse Sondergruppen tun – und da meist dann den Termin des »Weltuntergangs«.
Aber auch das sei nicht verschwiegen: Der große württembergische Theologe Johann Albrecht Bengel hat gemeint, den Beginn des 1000-jährigen Reiches Christi aus der Bibel berechnen zu können. Und er hat im Jahr 1724 den Termin auf 1836 gelegt!
Hat aber nicht Jesus selbst gesagt: „Von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand, ... auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater“ (Matthäus 24,36). Beim Zahnarzt braucht man einen Termin, im Hotel eine Reservierung, beim Bürgermeister eine Voranmeldung. Jesus dagegen wird uns nicht erst nach einem Termin fragen. Er ruft nicht zuerst an und erkundigt sich, ob es uns gerade passt. Er kommt, ob wir ihn erwarten oder nicht. Deshalb ist es so wichtig, dass wir wachsam sind und mit ihm rechnen.
Mit zwei Beispielen will der Apostel Paulus verdeutlichen, wie überraschend und plötzlich dieses Kommen sein wird:

Jesus kommt „wie ein Dieb in der Nacht“ (2). Überraschend, unerwartet, plötzlich. Auch wenn heute viele Einbrüche tagsüber begangen werden! Und Jesus kommt plötzlich, so wie die Wehen bei einer schwangeren Frau plötzlich einsetzen. Die Mütter unter uns wissen das. So wurde im letzten Jahr in Berlin eine U-Bahn gestoppt, als bei einer Frau plötzlich die Wehen einsetzten. Man hat die Hochschwangere sofort ins Krankenhaus gebracht. Beide Beispiele wollen unterstreichen: Rechnet fest damit, dass Jesus kommt! Er macht keinen »Rückzieher«!

Eins, liebe Gemeinde, ist mir hier noch aufgefallen: Aus den Worten des Paulus spricht Freude: Unser Herr kommt gewiss, er lässt uns nicht im Stich, er macht sein Versprechen wahr: „Ich will wiederkommen und euch zu mir nehmen“ (Johannes 14,2). Lassen wir uns doch von dieser Hoffnung und dieser Gewissheit anstecken!

Auch wenn viele sich in falscher Sicherheit wiegen – ohne auf Jesus zu warten. Das ist, so sagt es Paulus, falscher Friede, der sich über die wahre Lage vor Gott täuscht!
Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Äußerer Friede ist kostbar; wir sind dankbar dafür. Aber äußerer Friede ohne Frieden und Versöhnung mit Gott ist letztlich eine trügerische Sicherheit.
Warum? Ohne diese Versöhnung, die Jesus bringt, können wir vor Gott einmal nicht bestehen. Ohne seine Frieden wird es bei Jesu Wiederkunft ein bitteres Erwachen geben.
Deshalb: „Lasst euch versöhnen mit Gott.“ So lädt Paulus uns zu diesem Frieden mit Gott ein. Und dieser Friede mit Gott ist ein Friede auch mitten im Unfrieden dieser Welt. Denn dieser Friede hofft auf den wiederkommenden Herrn!

2. Wie Christen leben
Zunächst stellt Paulus den Christen im griechischen Thessalonich „die anderen“ (6) gegenüber. Sie sind nicht näher gekennzeichnet. Doch Paulus nennt zwei Kennzeichen:
(1) Sie schlafen. Das heißt: Sie rechnen nicht mit Gottes Eingreifen und mit dem Wiederkommen von Jesus.
Und sie gehen dagegen ganz im irdischen Leben auf. Etwas anderes gibt es für sie nicht. Sie sind hellwach, wenn es um den Alltag und z.B. um den Beruf geht. Aber sie schlafen, wenn es um Gott geht und unsere Verantwortung vor ihm.           
Das 2. Kennzeichen: (2) Sie sind betrunken. Nicht unbedingt durch Alkohol oder andere Rausch mittel. Obwohl das schon schlimm genug ist. Sondern trunken davon, dass sie dem totalen Wohl-stand nachjagen, der äußeren Sicherheit, dem völligen Lebensgenuss. Und so ganz an Gott vorbei leben!
Paulus betont: Christen sind keine solchen »Nachtmenschen«. Christen sind Kinder des Lichts, Leute des Tages.  Denn sie glauben an Jesus Christus, an das „Licht der Welt“. Sie folgen ihm nach, sie rechnen täglich mit ihm. Und wo Jesus ein Leben bestimmt, da ist Licht und Tag!

Deshalb die Aufforderung von Paulus: „So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern wach und nüchtern sein“ (6). Und damit gerüstet auch für Bewährungsproben im alltäglichen Leben. Denn Jesus verspricht uns, die wir an ihn glauben und ihm vertrauen, nicht das Paradies auf Erden, auch kein sorgenfreies Leben. Wenn’s nämlich so wäre, dann wären unsere Kirchen - ohne Corona! - sonntags immer rappelvoll!

Jesus schenkt seinen Leuten vielmehr reinen Wein ein: Wenn ihr mir nachfolgt, dann erwartet euch ein Leben auch mit Nöten, Ängsten und Anfeindungen. Dass die Leute euch nicht verstehen – eben eine Welt ohne Gott, voller Streit und Unfrieden. Trotzdem sollen wir Christen uns nicht einfach zurückziehen, sondern mit wachen Augen durchs Leben gehen und mit beiden Beinen ganz im Leben stehen. Wir Christen sollen zum Beispiel Verantwortung mittragen auf kommunaler Ebene. Sollen Hand anlegen, wo Hilfe nötig ist, sollen Hoffnung wecken, wo Menschen verzweifeln. Sollen aber trotz-dem bereit sein, wenn Jesus wiederkommt, vielleicht noch zu unseren Lebzeiten – wer weiß!?
Paulus hat’s am eigenen Leib erfahren und weiß deshalb: Wir haben mit Jesus keinen Spaziergang vor uns, sondern einen anstrengenden Marsch durchs Leben mit mancherlei Bedrohungen. Mit teuflischen Attacken, die uns von Jesus wegreißen wollen. Deshalb schärft Paulus uns hier ein: ‚Legt eure Rüstung an“. Nehmt eure Verteidigungswaffen’:

Den „Panzer des Glaubens“, mit dem ihr die Angriffe der Anfechtung und des Zweifels abwehren könnt.
Den „Panzer der Liebe“, mit dem wir auch schwierigen Menschen liebend begegnen können.
Und den „Helm der Hoffnung auf das Heil“, der uns nicht verzagen, sondern bei Jesus bleiben lässt. Trotz mancher Zweifel und mancher Niederlagen.
Denn nur so können wir Christen auch ans Ziel kommen: nämlich einmal bei Jesus zu sein in seinem himmlischen Reich. „Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn,
sondern dazu, die Seligkeit zu besitzen durch unsern Herrn Jesus Christus“ (9), schreibt Paulus. Dem ist von meiner Seite aus nichts hinzuzufügen.

3.  Wovon Christen leben
Profiradrennfahrer, etwa bei der Tour de France, brauchen während des Rennens viel Energiezufuhr. Nein, ich meine nicht Doping! Aus den Taschen ihres Trikots auf dem Rücken, da nehmen sie immer wieder »Kraftriegel« und trinken Energiedrinks. Ohne das wären sie im Rennen chancenlos.

Das führt zu der Frage: Aus welcher Quelle schöpfen wir Christen eigentlich unsere Energie, damit wir im »Rennen des Glaubens« fit und ausdauernd bleiben?

Es sind nicht die eigene Kraft und die eigenen Fähigkeiten. Auch nicht die Dinge, die mit »Selbst« anfangen. Oder die Überzeugung, alles besser zu wissen und zu können. Wir Christen schöpfen viel mehr aus der Quelle Jesus Christus aus seiner Vergebung, aus seiner Liebe, aus seiner Ermutigung, aus seinem Geist.

Denn Christen bekennen mit Paulus: „Jesus Christus, der für uns gestorben ist“ (10a). Dies zu wissen und zu glauben, liebe Gemeinde, das entlastet, im wörtlichen Sinn:
Es macht frei von Schuld und auch davon, alles aus eigener Kraft schaffen und regeln zu müssen.

Jesus Christus ist unser Retter und unser Helfer, der den Seinen beisteht.
Deshalb brauchen wir auch keine Angst zu haben vor dem »Tag des Herrn«, vor dem wiederkehrenden Jesus. Und wenn sich der Himmel unserer Tage an vielen Stellen verdüstert, brauchen wir trotzdem nicht in Panik zu geraten. Denn es wird hell: wir gehen ja unserem Herrn entgegen! Das will uns Mut machen und im Glauben fest.                                                   

Amen.