Predigt vom Sonntag, 28. Juni 2020

Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis                                      Schorndorf, 28. Juni 2020
 Micha 7,18-20                                                                          Pfr. Thomas Fuchsloch


Gnade sei mit uns - und Friede, von Gott unserem Vater
und unserem Herrn Jesus Christus,
der da ist und der da war und der da kommen wird. Amen!


Der Wochenspruch zum 3. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest steht Lukas 19,10
„Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“

Liebe Gemeinde,
unser heutiger Predigttext stammt aus dem Buch des Propheten Micha, genau genommen ist es der Schluss seines Buches. Micha zählt zur Schar der kleinen Propheten. Er lebte im 8. Jahrhundert vor Christus und war ein Zeitgenosse des großen Propheten Jesaja. Fast unscheinbar und vielen unbekannt, hatte er dennoch eine großartige Botschaft. 
Als die Juden 100 Jahre später den Propheten Jeremia hinrichten wollten, weil ihnen seine Botschaft zu unbequem war, da erinnerten sich doch einige der Schriftgelehrten daran, dass Micha dasselbe schon einmal thematisiert hatte und die Menschen darufhin Buße getan hatten.
Diese Erinnerung an den Propheten Micha rettete dem Jeremia das Leben.
Vielleicht erinnern auch wir uns an gewichtige Aussagen dieses kleinen Propheten?
In Micha 5, Vers 1 lesen wir: „Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in
Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. Diese Prophetie erklingt zumeist in der Weihnachtszeit.“
Und im 6. Kapitel tut Micha uns kund: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Und nun schließt er sein Buch mit dem heutigen Predigttext und der markanten Frage: „Wo ist solch ein Gott, wie Du?“

Der Predigttext steht beim Propheten Micha, im 7. Kapitel:

18    Wo ist solch ein Gott, wie du bist,
        der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen,
        die geblieben sind als Rest seines Erbteils;
        der an seinem Zorn nicht ewig festhält,
        denn er hat Gefallen an Gnade!

19    Er wird sich unser wieder erbarmen,
        unsere Schuld unter die Füße treten
        und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.

20    Du wirst Jakob die Treue halten
        und Abraham Gnade erweisen,
        wie du unseren Vätern vorzeiten geschworen hast.

                                                  
Worte des lebendigen Gottes - Amen.

Liebe Gemeinde,
Axel Kühner erzählt in einem seiner Andachtsbücher von einem Jungen, der seinen Vater auf einer Bergwanderung fragt: „Vater, sind auf den Bergen, wo die Kreuze stehen, Menschen abgestürzt?“ „Nein“, erklärt der Vater, „ ein Kreuz auf einem Gipfel bedeutet, Menschen haben den Berg mit seinen Gefahren besiegt und bezwungen. Hier ist das Kreuz ein Zeichen des Sieges, nicht des Todes.“
Wie viele Berge gibt es in unserem Leben, Berge von Schwierigkeiten, Berge von Sorgen und Nöten, Berge von körperlichen Gebrechen und Leid, von Mühsal und Einsamkeit? Jesus hat alle diese Berge besiegt und bezwungen. Auf all diesen Bergen steht sein Kreuz, das Zeichen des Sieges. Wenn wir uns an Jesus halten, werden wir auf diesen Bergen nicht abstürzen, sondern sie mit ihm überwinden und meistern.
Einer der größten Berge dürfte dabei wohl der Berg von Schuld und Sünde sein. Doch dieser Berg - so groß er auch sein mag - wird meist verdrängt. Dass wir immer wieder schuldig werden und Sünde auf uns laden, ist einfach etwas Peinliches, was die Wenigsten wahrhaben wollen; obwohl es merkwürdiger Weise alle betrifft, denn niemand von uns ist vollkommen.
Schuld und Sünde richten großen Schaden an: Da verletzten wir andere, obwohl wir es gar nicht wollen oder nicht einmal bemerken. Auch verletzten wir uns selbst - fügen unserer Seele oder sogar unserem Körper manchen Schaden zu. Doch wir verletzen nicht nur andere und uns selbst, sondern auch immer wieder unsere Beziehung zu Gott. Gott selbst, der heilig und allmächtig ist, können wir nicht verletzen, wohl aber unsere Beziehung zu IHM - und das ist ein großes Problem.
Die Schuld und Sünde in unserem Leben ist wie ein großer Müllberg. Da ist nichts, worauf wir stolz sein könnten. Da ist nur Kaputtes, sind Verletzungen - und nichts von alledem eignet sich aufzuheben.
Nun sind wir ja mehr oder weniger gut geübt, wenn es um die Müllentsorgung geht. Und das ist notwendig, weil wir statt weniger, immer mehr Müll produzieren, alles ein und verpacken und auf dem Einmal-Wege schnell los werden wollen. Und so landet viel zu viel auf unseren Müllkippen und auch nicht wenig in den Meeren, die wir für groß und tief genug halten. Doch inzwischen wissen wir, dass selbst der Plastikmüll im Meer, wenn er uns nicht gerade um die Nase schwimmt, dennoch als Plastikpartikel im Meersalz plötzlich wieder auf unseren Tischen in unseren Tellern landet. Die Müllentsorgung holt uns immer wieder ein. Weshalb wir einfach weniger Müll produzieren sollten - was uns aber einfach nicht recht gelingen will.
Und mit Schuld und Sünde ist es genauso: Alles Verschieben und Verdrängen hat keinen Wert. Wir werden unsere Fehler, unser Versagen auch nicht los. Und unsere Unvollkommenheit ist auch keine Entschuldigung; und Zeit heilt hier auch keine Wunden. Und genau deshalb schließt der Prophet Micha seine gesamte Botschaft mit dieser ganz zentralen Frage:
Wo ist solch ein Gott, wie Du,
-    der die Sünde vergibt - und die Schuld erlässt;
-    der Gefallen hat an Gnade;
-    und sich unser wieder und wieder erbarmen will?

Wo ist solch ein Gott wie Du? Diese Frage kommt genau zweimal in der Bibel vor. Nämlich hier beim Propheten Micha und dann noch in Psalm 77, wo der Beter bekennt: „Gott, dein Weg ist heilig. Wo ist ein so mächtiger Gott, wie du, Gott, bist?“  (Psalm 77,14)
Es ist der heilige und allmächtige Gott, der sich danach sehnt uns zu vergeben, uns seine Gnade zu schenken. Gott ist bereit alles daran zu setzen, wenn wir uns nur helfen und vergeben lassen! Und da gibt es keinen anderen und auch keine andere Möglichkeit. Nur Gott allein kann Schuld und Sünde vergeben - niemand anderes!
Und das ist schon großartig dabei:
-    Gott stellt keine Bedingungen oder Kriterien, wenn nur wir uns vergeben lassen wollen.
-    Gott lässt und nicht im Ungewissen.
-    Und ER macht eine ganz eindeutige Zusage, dass das, was vergeben auch vergessen ist.
Wir können eigentlich nur mit Micha einstimmen: Wo ist solch ein Gott wie Du?

1.    Gott ist es, der nur das Gute will.
Gott will uns nicht schikanieren. ER ist auch nicht auf unsere Verehrung angewiesen. Und ER will uns nicht mit Ängsten klein halten und folgsam machen - gebraucht keine Ängste als pädagogische Maßnahme. ER ist es, der einfach in allen Nöten für uns da sein will. ER möchte, dass wir ihn einbeziehen. Jesu sagt einmal, dass Gott wie ein Arzt für uns da sein will. Im Markusevangelium lesen wir, wie Jesus sprach: „Die Starken bedürfen keines Arztes, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.“
Gott hatte am Anfang alles gut gemacht - ja sehr gut gemacht, wie es im Schöpfungsbericht heißt. Und wir können das auch immer wieder erahnen, wenn wir Augen und Sinne öffnen, schmecken und riechen, fühlen und staunen, was es an Schönem, an Erquickendem an vielfältigem Reichtum in dieser Welt alles gibt.

2.    Gott ist es, der uns nicht aufgibt.
Deshalb hat Gott wieder und wieder seine Propheten geschickt und hat sich in Jesus selbst zu Wort gemeldet und uns zudem die Heilige Schrift anvertraut. Die Bibel ist ein einzigartiges Zeugnis von Gottes Liebe über die Jahrhunderte, in verschiedensten Ereignissen und unter den unterschiedlichsten Menschen. Wie oft wiederholt sich Gottes Einladung und Angebot, mit uns Gemeinschaft haben zu wollen? Selbst den Jüngern, die ganz nah dran waren, die die Botschaft und Wunder direkt erlebten gab Jesus immer wieder neue Chancen. Und zwar nicht nur eine zweite Chance - das wäre viel zu kleinkariert gedacht. Jesus gab den Jüngern viele neue Chancen - und auch wir brauchen weit mehr, brauchen immer wieder neue Chancen. Gott wird nicht müde uns wieder und wieder anzusprechen, uns durhc dne Heiligen Geist sensibel zu machen, uns einzuladen und gegebenenfalls sogar anzuklopfen. Ja Gott versucht sogar uns aus unseren Träumen aufzuwecken, wie Jesu die Jünger im Garten Gethsemane nicht nur einmal, sondern gleich dreimal aufweckte.

3.    Gott ist es, der auch keine Unterschiede macht.
ER will, dass alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen und gerettet werden (nach 1. Timotheus 2,4). Da gibt es nicht einmal Unterschiede im Blick auf die Heftigkeit einer Sünde.
Beim Propheten Jesaja lesen wir gleich im 1. Kapitel: „Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie rot ist wie Scharlach, soll sie doch wie Wolle werden“ (Jesaja 1,18). Bei Gott gibt es kein „Unmöglich“ - ist ER doch der Allmächtige!
Gott hat eine riesen Sehnsucht: Mit uns in eine lebendige Beziehung zu kommen, in der wir uns Seine Liebe schenken lassen - eine Beziehung, die bis in Ewigkeit hält.

4.    Gott ist es. der uns wirklich vergeben kann.
Hier gebraucht der Prophet Micha ein gigantisches Bild: „ER wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.“ Die Meere sind dabei ein majestätisches Bild für die Weite, Tiefe und Unerschöpflichkeit des Lebens. Wenn aber das Meer der Liebe Gottes, weit, tief und unerschöpflich, unsere Lebensschuld bedeckt, dann ist sie wirklich vergeben und weg. Da darf man sie nicht wieder hervorholen und sich damit quälen. Wenn Gott unsere Schuld im Meer seiner Liebe versenkt hat, dann setzt er gleichsam am Ufer ein Schild dazu: „Angeln verboten!“ Denn das ist oft ein Problem von uns, dass wir wieder und wieder hervorholen wollen, was ER längst vergeben hat. In der Bibel steht wiederholt, dass Gott das, was ER vergeben hat, auch nicht mehr sieht. - Es ist ausgelöscht! Es gibt also etwas, was Gott nicht sieht - nicht mehr sehen will - nämlich das, was ER vergeben hat. Und dann sollten wir nicht dahinter zurückwollen.

5.    Gott ist es, der uns helfen will.
Gott will uns Reinigung schenken, weil ER uns noch so viel mehr geben will. Es ist wie bei einem Glas - oder bei Geschirr. Niemand wir ein gebrauchtes, dreckiges Glas verwenden wollen, um etwas Edles einzuschenken. Niemand wir seinem Besuch dreckiges Geschirr auftischen. Das ist weder appetitlich - noch einladend!
Aber was für ein verschmutztes Glas gilt, können wir im Blick auf uns übertragen: Gott möchte
-    uns leeren von allem was uns besetzt,
-    reinigen mit Seiner Vergebung,
-    füllen mit Seinem Geist
-    und gebrauchen in Seinem Sinn.
Vielleicht sollten wir dran denken, wie das war, als es noch keine Spülmaschinen gab:
-    Je größer der Spülberg, desto kleiner die Lust anzufangen;
-    und je länger etwas antrocknete, desto mühsamer war es, es sauber zu bekommen.So ist es auch mit Sünde und Schuld. Je schneller wir etwas bei Gott zum reinigen abgeben, desto angenehmer und leichter fällt es. Außerdem geht es im Miteinander immer leichter, sowohl beim Spülen, wie auch beim Vergeben!
O ja: Wo ist solch ein Gott wie Du, der uns so sehr liebt; sich so sehr nach uns sehnt; der uns einfach helfen und segnen will. Das, was Micha hier schreibt, hat Jesus am Kreuz auf Golgatha mit Seiner Liebe unterzeichnet - mit Seiner Versöhnung signiert. Und deshalb ist das Kreuz eigentlich kein Todeszeichen, sondern wie auf den Berggipfel ein Siegeszeichen. Ein Zeichen, dass das Leben, ja das ewige Leben siegt. Als die Römer in Karthago die Kreuzigung erfunden haben, war es ein Zeichen des Todes. Bei Jesus ist es aber anders. Durhc die Versöhnung am Kreuz auf Golgatha, steht das Kreuz für das Leben, für das ewige Leben - gegen die Macht des Todes. Der tod hat nicht mehr das letzte Wort!
Im Kreuz kreuzen sich Himmel und Erde!
Darum ist der allmächtige und heilige Gott nicht fern, - sondern mit Seiner Liebe - und Gnade ganz nah.

     Amen!