Predigt am Sonntag Misericordias Domini, 26. April 2020

Predigt  an Misericordias Domini                                  Schorndorf, 26. April 2020
1. Petrus 2,21-25                                                          Pfr. Thomas Fuchsloch

Gnade sei mit uns - und Friede, von Gott unserem Vater
und unserem Herrn Jesus Christus,
der da ist und der da war und der da kommen wird. Amen!

Der Wochenspruch zum Sonntag Misericordias Domini (Die Barmherzigkeit des HERRN)
steht im Johannesevangelium 10,11.27.28    
   
„Christus spricht: Ich bin der gute Hirte.
 
  Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie,
  und sie folgen mir;
  und ich gebe ihnen das ewige Leben.“

Der Predigttext für Misericordias Domini steht im 1. Petrus-Brief, Kapitel 2:
21     Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen,
          dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen;
22     er, der keine Sünde getan hat
          und in dessen Mund sich kein Betrug fand;
23     der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde,
          nicht drohte, als er litt,
          er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet;
24     der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat
          an seinem Leibe auf das Holz,
          damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben.
          Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.
25     Denn ihr wart wie die irrenden Schafe;
          aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

Foto: Janelle Dietewich

Liebe Gemeinde,
das kennen doch die meisten von uns, dass wir Woche für Woche mit einem Sammelsurium an Werbeprospekten nur so überschwemmt werden. Werbung kommt aus dem Briefkasten, in Zeitungen und Zeitschriften, im Radio, Fernsehen und im Internet. Werbung ist keineswegs belanglos. Werbung ist wichtig: Sie bringt Informationen, macht Angebote und erweitert unseren Horizont. Eine ganze Werbeindustrie zerbricht sich Tag für Tag den Kopf, wie sie uns sagen,  was wir brauchen - was wir wollen - und was wir sollen. Selbst in der Kirche machen wir unsere Angebote kund: Wir drucken Plakate, streuen Handzettel und suchen Interessenten! Der Petrusbrief von damals liegt heute also voll im Trend, denn letztlich ist Petrus darin am werben.
Er wirbt darum, dass die Christen nicht wieder abfallen: Bleibt fest! - Bleibt dran! - Bleibt treu! Die Aufmachung ist allerdings wenig attraktiv. Hier wird kein Hochglanzprospekt aufgeschlagen; keine Image-Broschüre vorgelegt; ja es werden sogar Punkte angesprochen, die uns auf den ersten Blick gar nicht gefallen.

Petrus schrieb seinen Brief anfangs der 60er Jahre des 1. Jahrhunderts in Rom. Er verfasste ein Rundschreiben an einige Gemeinden in Kleinasien. Diese von Paulus gegründeten Gemeinden erlebten nämlich gehässige Anschuldigungen, Diskriminierung und Verfolgung. Da gab es Verachtung und Ungerechtigkeit.    Und so warb nun Petrus : Bleibet fest! - Bleibet dran! - Bleibet treu! Schmäht nicht zurück, droht nicht, rächt euch nicht. Nehmt das Leiden, nehmt die Verfolgung auf euch und folgt Jesu Fußstapfen nach. Bleibt auf dem Kreuzweg, lasst euch nicht abbringen, nicht drausbringen.
Doch was hat das mit uns zu tun? Verfolgung gibt es zwar in andern Ländern, aber wir können unseren Glauben frei leben. Nun, es ist das Besondere am Wort Gottes, dass es dennoch etwas zu sagen hat. Und so möchte ich auf meine Weise darum werben, den vorgegebenen Bibeltext dennoch ganz persönlich zu nehmen. Ich will es unter 3 Gesichtspunkten tun: Auch wenn es uns im weltweiten Vergleich relativ gut geht,sollten wir uns doch nicht täuschen lassen,          
        1. denn wir leben in einer gefallenen Welt;
        2. wir sind nicht vollkommen;
        3. es lohnt sich auf jeden Fall, in einer Herde zu sein und einen Hirten zu haben.

Auch wenn es uns noch relativ gut geht, sollten wir uns nicht täuschen:

1. Wir leben in einer gefallenen Welt.
Natürlich leben wir im Christlichen Abendland und haben eine tollerante Gesellschaft. Bei uns darf keiner wegen seiner religiösen Einstellung benachteiligt werden; niemand muss wegen seines Glaubens leiden. Und dennoch haben wir keine heile Welt, ja es gibt trotzdem sehr viel Not und Herzeleid. Wie viel Ungerechtigkeit gibt es? - Wie viel Unfriede? - Wie viele sind heillos verstritten, liegen miteinander im Clinch? Und der Schuh drückt auch noch an anderer Stelle: Der Ton ist rauh und die Konkurrenz ist gnadenlos. Und das alles in einem rasenden Tempo. Auch wenn wir im Moment durch Corona ausgebremst werden, so kommt doch sonst in unserer Neuzeit so mancher nicht mehr mit, werden so viele regelrecht überfahren. Wie oft geht uns die Zeit aus und unsere Seele bleibt auf der Strecke. Wir haben immer weniger Zeit füreinander, für einen helfenden, klärenden Austausch. Wir wissen oft so wenig voneinander. Ja oftmals haben nicht einmal mehr Zeit für Gott.
Und wie viel Not macht uns derzeit das Corona-Virus? Da ist die Sorge um das liebe Geld. Und dann gibt es ja noch all die andern Krankheiten, Kriminalität und Ungerechtigkeiten.

Auch wenn wir glaubensmäßig gerade nicht verfolgt werden, so verfolgen uns dennoch fortwährend Sorgen, Leid und Not. O ja - wir leben in einer gefallenen Welt! Und wir tun gut daran, uns Zeit zu nehmen. Zeit für unsere Seele und Zeit für Gott,    der uns so oft gar nicht erreicht. Wie oft müsste wohl Gott auf unseren Anrufbeantworter sprechen, wenn wir einen für IHN hätten?     
Aber deshalb ist uns Jesus mit gutem Beispiel vorangegangen. Er hat sich immer wieder in die Stille zurückgezogen, war manchmal auf einem Berg mit sich und Seinem Vater im Himmel allein. Und auch wir brauchen den, der uns ausrüstet mit Kraft, mit Liebe und mit Frieden.
In Verfolgungszeiten waren sie damals zusammengerückt, haben sich in den Katakomben, im Untergrund versammelt und heimlich die Gemeinschaft gesucht. Doch heutzutage sind viele Kirchen so schrecklich leer und jetzt auch noch ganz geschlossen. Dabei sind doch die Voraussetzungen für unser Christsein doch so viel leichter wie damals, als Petrus seinen Brief
mit unserem Predigttext geschrieben hat. Jesu Fußstapfen zu folgen ist heute einfacher als damals. Darum sollten wir keine Zeit verlieren!

Auch wenn es uns noch relativ gut geht, sollten wir uns nicht täuschen:

2. Wir sind dennoch nicht vollkommen.
Wir verletzen einander und brauchen Vergebung. Da ist unser Kleinglaube, die Lieblosigkeiten und Gleichgültigkeiten - und der Mangel an Gehorsam in der Nachfolge. Wie tut es da gut, wenn wir Jesus haben, der selbst unsere Sünde ans Kreuz hinaufgetragen hat. Nicht wir müssen unser Versagen hochstemmen. Es liegt nicht an unseren Anstrengungen. Sondern ER hat all unsere Unzulänglichkeiten ans Kreuz hinaufgetragen - und durch Seine Wunden werden wir heil (1. Petr. 2,24 - Predigttext), wenn wir es nur wollen!
Jesus nachfolgen, bedeutet eben auch, dass wir in der Spur des Vergebens und der Spur des Neuanfangs bleiben. Als der gute Hirte, als Bischof unserer Seele (1. Petrus 2,25 - Predigttext)
    - will Er uns davon gelaufene Schafe wieder zusammen bringen;
    - die sich verlaufen haben, wieder zurückbringen;
    - will Er allen Schaden wieder heil machen.
Wir brauchen für uns selbst Vergebung, um auch andere einzuladen und zu ermutigen. Wenn wir uns die Wahrheit sagen lassen, können wir sie ebenso anderen sagen, anstatt hinter dem Rücken der Andern ihnen das Unrecht vorzuhalten oder gar selbst bitter zu werden. Welch eine grandiose Zusage ist es doch, wenn Petrus hier schreibt (1. Petr.2,24 - Predigttext): „Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.“

Wir sollten uns nicht täuschen:
3. Es lohnt sich in einer Herde zu sein und einen Hirten zu haben.
Schließlich ist es ja nicht des Hirten einzigste Aufgabe, die Feinde zu vertreiben oder Gefahren abzuwenden, sondern vielmehr seine Herde zu leiten, zu umsorgen und versorgen. Wenn wir draußen in der Natur eine Schafherde sehen, suchen wir unwillkürlich auch den Hirten. Ob wohl andere, die uns beobachten, auch bei uns den Hirten im Hintergrund entdecken?

Foto: Janelle Dietewich

Wir brauchen uns gegenseitig, als Herde, um uns gegenseitig zu erinnern, uns sensibel zu machen, aber auch zu ermutigen und zu trösten. Wir brauchen das Vorbild der Liebe Jesu. Wir sollten uns sich nicht in Emotionen oder gar Bitterkeit zu verlieren. Wir haben oft genug Grund, nicht nur zur Bitterkeit, sondern zum Ausrasten und Explodieren. Aber Jesus Christus will uns ein Vorbild sein und zugleich auch die nötige Vergebung geben. Ich kann ihm in seinen Fußstapfen folgen. Ich kann seine Wege - Wege der Liebe gehen. Deshalb brauch ich nicht großspurig daherkommen, dazu brauch ich auch keine Siebenmeilenstiefel. Dazu umwirbt er mich.
Allerdings gibt es keine Alternative. Es ist nicht beliebig, nicht belanglos, ob ich mich von Gott für seine Liebe werben lasse - oder nicht. Es handelt sich bei Ihm um kein exotisches Luxusangebot, das ich mir leisten kann - oder auch nicht. Im Bild gesprochen: Der Hersteller weiß, was ich brauche.
Wenn ein Autohersteller sagt, dieser Motor braucht Superbenzin, dann kann ich natürlich sagen: Ich nehme lieber Diesel, weil‘s billiger ist; oder ich steh sowieso auf klares Wasser. Aber, da werde ich nicht weit kommen. Wer sich auf den Weg machen will um bei Gott anzukommen, der braucht den Hirten und der braucht seine Herde. Der braucht ein Miteinander, das von Liebe getragen ist. Amen!

Foto: Rainer Seidl