Sonne geht unter

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Predigt am Sonntag Quasimodogeniti (Wie die Neugeborenen), 19. April 2020

Predigt an Quasimodogeniti (Wie die Neugeborenen)       Schorndorf, 19. April 2020
Jesaja 40,26-31                                            
                       Pfr. Thomas Fuchsloch

Gnade sei mit uns - und Friede, von Gott unserem Vater
und unserem Herrn Jesus Christus,
der da ist und der da war und der da kommen wird. Amen!

Der Wochenspruch zum Sonntag Quasimodogeniti steht 1. Petrus 1,3         
„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus,
der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat
zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“

Der Predigttext für diesen Sonntag steht im Buch des Propheten Jesaja, Kap. 40:
26    Hebet eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen?
        Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen;
        seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.
27    Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst:
        »Mein Weg ist dem HERRN verborgen,
        und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«?
28    Weißt du nicht? Hast du nicht gehört?
        Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat,
        wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.
29    Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden.

30    Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen;
31    aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft,
        dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler,
        dass sie laufen und nicht matt werden,
        dass sie wandeln und nicht müde werden.

Liebe Gemeinde,
in Finnland erzählt man sich eine Geschichte, von dem, was ein Fischer erlebt hat. Als früh am Morgen seine Netze zu reinigte, beobachtete er einen jungen Adler, der sich auf einem Steinhaufen sonnte. Plötzlich schüttelte er sein Gefieder und schoss ruckartig hoch in die Luft.
Immer höher stieg er auf. Doch dann fiel er wie ein Stein herab - stürzte direkt am Ufer ins Wasser. Der Fischer zog den großen stolzen Vogel heraus. Er war tot! Eine kleine Kreuzotter hatte sich in seiner Brust festgebissen. Sie war unter das warme Gefieder gekrochen als er sich auf dem Steinhaufen gesonnt hatte. Ihr giftiger Biss bereitete seinem stolzen Höhenflug ein jähes Ende.
Liebe Gemeinde, Menschen, die Gott vertrauen, die Gott gehören, sind Königskinder. Sie sollen auffahren mit Flügeln wie Adler. Aber wie oft lassen wir uns in den Niederungen des Lebens nieder; ruhen sich aus und werden bisweilen Opfer wenn auch nicht gerade eines tödlichen so doch eines lähmenden Bisses. Und das ist absolut menschlich. Bereits in der Bibel begegnen uns Berichte von Menschen, die Gott vertrauten und dennoch plötzlich lähmende Erfahrungen machten:
Ich denke an den König David. Während seine Treuen im Kampf ihr Leben einsetzten,     hatte er sich's auf dem Dach seines Königspalastes bequem gemacht. Da biss plötzlich die Begierde zu und ließ den großen König als Ehebrecher und Mörder tief abstürzen.
Ich denke an Petrus. Bei ihm biss die Angst zu. Er wurde ein Lügner und stürzte in tiefste Verzweiflung und Enttäuschung.
Ich denke an die Emmausjünger (Lukas 24,13-35). Auch sie wurden ein Opfer der Enttäuschung.
Sie stürzten in tiefste Verzagtheit, bis sich der auferstandene Jesus ihnen beim Brotbrechen zu erkennen gab.
Ich denke an Mose, der in Rage einen Ägypter erschlug als er meinte die Befreiung selbst in die Hand nehmen zu müssen. Oder an Gideon, Jeremia, Elia ... und noch so viele mehr!

Und ich denke an uns - an mich: Ein ärgerliches Versagen - ein quälendes Warum? - ein bei-ßender Zweifel - ein schleichender Kleinglaube - eine zermürbende Krankheit - eine Ungeschickt-heit - eine unnötige Konfrontation und schon sind unsere Sinne wie gelähmt.
So erging es auch den Israeliten, die nach Babylon ins Exil verschleppt worden waren. In ihre Situation hinein zielt die Botschaft, zielt unser heutiger Predigtabschnitt des Propheten Jesaja .
Sie hatten alles verloren: Die Heimat, die Freiheit, ihre Würde und ihre Rechte! Hatten sie damit etwa auch Gott verloren? Das war die quälende Frage!
Wenn doch Gott über allem steht, wie hatten die Babylonier sie schlagen, sie demütigen und in Gefangenschaft führen können? Wenn doch Gott der Gestalter der Weltgeschichte ist, wo blieben dann seine Fürsorge und Zuwendung  gegenüber seinem Volk;  wo blieb er jetzt, in der Situation, da das Volk in nötiger brauchte denn je?
Dass Gott, der Herr des Kosmos ist, wollten sie ja nicht bestreiten. Beobachteten sie doch staunend die eindeutige Handschrift des Schöpfers. Dass Gott die Fäden der Weltgeschichte in Händen hält, wollten sie auch nicht bestreiten. Dafür hatte Gott in der Vergangenheit immer wieder neu seine Treue erwiesen und seine Verheißungen wahr gemacht. Das wollten sie ja nicht verachten; dafür standen doch all die Erzählungen ihrer Mütter und Väter.
Aber dennoch quälte sie die Frage: Wo blieb nur ihr Gott? Warum handelte er nicht? Wieso griff er nicht endlich ein?
Schließlich war der babylonische Sternen- und Götterglaube keine Alternative für die Israeliten. Wenngleich die Babylonier von dem überzeugt waren, was bis heute noch in unseren Horoskopen nachwirkt - als ob unser Schicksal in den Sternen stünde?"
Damit hätten sie, wie so viele,  ihre Lage zu deuten versuchen können, je nachdem sie sich eine Erklärung bastelten. Davon konnten sie aber keine Hilfe erwarten, keine Erlösung, keine Errettung.
Letztlich waren die Juden in der babylonischen Gefangenschaft ganz tief unten - wie gelähmt.
Sie wussten sich selber nicht mehr zu helfen. Doch gerade in diese Situation hinein zielte unsere Botschaft des Propheten Jesaja. Jetzt konnten, ja sollten sie endlich erfahren, was es bedeutet, „auf den Herrn zu harren.“

Auf den Herrn zu harren “, bedeutet aufzuhören mich fortwährend selber zu überfordern - auch wenn es uns immer wieder eingeredet wird oder wenn wir uns selber ständig unter Druck setzen.
Und wie leicht setzen wir uns selbst unter Druck? Ich muss es packen!  Ich muss es durchziehen!
Ich kann es mir nicht leisten zu versagen! Wenn ich es nicht schaffe, bin ich weg vom Fenster.
Dieser psychische Druck kann einen fertig machen. Und so werden wir seelisch und körperlich verbogen, wie ein zu schwach dimensionierter Stahlträger! Denn letztlich sind wir alle überfordert bei dem, was wir Gutes leisten sollten.
Wer aber den Mut hat, auf Gott zu harren, der schaut weg vom „Ich“. Der bekommt eine neue Perspektive: Du,..... du mein Herr und mein Gott! Ich brauch Dich! Ich habe ein inneres Verlangen nach Dir, mein Gott. Grad so wie der Beter es in seinem Psalm vor Gott ausspricht:
„Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir!“
Und da sollten wir uns auch nicht durch schlaue Sprüche verunsichern lassen. Als ob das eine Lebensweisheit wäre, wenn einige so leichtfertig daher reden, indem sie behaupten: „Hoffen und harren manche zum Narren!“ Gegen solch vermeintlich kluge Lebenserfahrung, widerspricht ganz praktisch, was Jesu selber auf seinem Weg nach Golgatha - auf seinem letzten Lebensabschnitt bis zur Versöhnung am Kreuz gelebt hat:
    - Er setzte nicht darauf, dass sich irgendwie, doch noch das Gute durchsetzen würde.
    - Er setzte nicht darauf, dass es ganz so schlimm doch nicht kommen würde.
    - Er setzte nicht auf die Fairness eines Pilatus und auch nicht auf seine eigene Vollmacht,
      Wunder zu tun.

Jesus setzte einzig und allein sein Vertrauen auf seinen Vater:  „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!“ (Lukas 23,46). Jesus hatte es ja am eigenen Leibe erlebt: Gottes haltende Hand ist nicht nur im Sterben hilfreich, sondern sie wird uns auch aus dem Tod herausreißen.
Gott will und kann immer wieder neue Chancen geben. Er will segnen und neue Türen auftun.
In einer Zeit, in der das humane Sterben so sehr betont wird, sollten wir als Christen deshalb darauf bedacht sein, dass es vor allem gilt „selig“ zu sterben. Wir sollten darauf bedacht sein, dass an unseren Grenzen, Gott uns nicht verlässt, nicht im Stich lässt. Das gilt gerade dann, wenn unser Glaube ermüdet, unser Vertrauen ermattet unsere Hoffnung eher glimmt, als leuchtet. Gott zieht sich nicht enttäuscht zurück, sondern sich freut, wenn wir seine Nähe, seine Hilfe suchen: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft!“

Liebe Gemeinde,
in unserem Bibeltext des Propheten Jesaja werden wir von Gott gefragt. Da stehen Fragen, die  damals an die Juden und die heute an uns gerichtet sind: Wenn du die Augen aufmachst, was siehst Du? Warum tust Du so, als ob Gott blind und taub wäre? Weißt du es nicht? Hast du es nicht gehört?
Die Fragen zielen auf die sichtbaren Beispiele des Eingreifens und Schaffens Gottes:
- Ich denke dabei an Elia, der nicht mehr weiter konnte und auch nicht mehr wollte:
  Aber plötzlich bekam er von Gott neue Kraft, klare Wegweisung und auch klare Zusagen.
- Ich denke an David, der zu dem Bekenntnis kam: „Der Herr ist meines Lebens Kraft, 
  vor wem sollte mir grauen?“ (Psalm 27,1)
- Ich denke an das, was ein gelehrter Erasmus von Rotterdam nicht vermochte,
  dafür aber durch einen kleinen verzweifelten Mönch durch Martin Luther, möglich wurde.
- Und ich denke an das, was kein Kirchenfürst, kein Theologieprofessor vermochte,
  was aber ein am Leib schon verfaulender, schwindsüchtiger kleiner Vikar,
  namens Ludwig Hofacker an geistlichen Leben in Württemberg stiften durfte.
Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügel wie Adler,
dass sie laufen und nicht müde werden!“ (Predigttext: Jesaja 40,31)

Nicht Froschperspektive sondern Adlerblick ist angesagt: Es geht um den Durchblick - und Überblick des Glaubens. Dann trifft auch zu, was ein indischer Christ auszudrücken versuchte indem er sagte: „Der Glaube ist der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist.“
Solches geschieht nicht einfach so, es will eingeübt werden. So wie junge Vögel das Fliegen lernen, wie sie ausprobieren und einsetzen, was in sie hineingelegt ist.
Allerdings könnte es uns auch so ergehen wie damals den gefangenen Juden im babylonischen Exil: Dass auch wir Gefangene sind. Zum Beispiel Gefangene unserer Gedanken und Sachzwänge oder Gefangene unserer Trägheit und Müdigkeit. Gegen Müdigkeit ist es nicht leicht anzukämpfen, nicht nur als Schüler, sondern auch als Hörer einer Predigt oder eines Vortrags.
Zwischendurch sind wir auch Gefangene derer, die uns irgendwelche Weisheiten, wie Körner zum Fraß vorwerfen.
Dann könnte so etwas passieren, wie bei jenem Mann, der im Wald einen jungen Adler einfing, und ihn Zuhause in den Hühnerstall steckte und wie den andern Hühnern auch ihm Körner zum Fressen vorlegte. Dort fraß er wie ein Huhn. Dort stritt er wie ein Huhn. Der König der Lüfte war bald klein und hässlich geworden. Doch dann kam eines Tages ein Besucher und sah das arme Tier hinter dem Maschendraht und sagte: „Der Vogel dort ist kein Huhn, sondern ein Adler!“ Der Besitzer aber hielt dagegen, dass er ihn wie ein Huhn erzogen hatte und er deshalb einfach in seinem Verhalten kein Adler mehr wäre. Darauf einigten sie sich auf eine Probe. Der Besitzer holte ihn aus dem Stall und rief beschwörend: „Adler flieg!“ Doch das aufgeschreckte Tier blickte nach den Hühnern und sprang zu ihnen hinunter und pickte weiter Körner. Aber der andere Mann bat um einen weiteren Versuch. Darauf nahm er den Adler mit hinaus an einen Abhang.
Als er ihn hochhob und schrie: „Adler flieg“, da zitterte das Tier am ganzen Leibe und blieb sitzen. Als er ihn aber direkt in die Sonne schauen ließ, da breitete der Vogel plötzlich seine Flügel aus und erhob sich mit dem Schrei eines Adlers. Er flog höher und höher und zog majestätisch davon.
Vielleicht sagen es die andern zu uns? Vielleicht reden wir es uns sogar selber ein: Du bist doch ein armes Hühnchen. Du wirst nie ein großes Tier werden. Doch sollten wir uns durch solch bissige Bemerkungen nicht lähmen, nicht gefangen nehmen  lassen.

Die Bibel will nichts anderes, als uns die göttliche Sonne zeigen. An Ostern ist sie endgültig aufgegangen. Diesen Blick zu unserem auferstandenen Herrn brauchen wir, damit all das Lähmende und das allzu Menschliche uns nicht abhalten, das zu entfalten, was Gott uns schenken will. Was Gott in und durch uns zur Entfaltung bringen möchte, wozu er uns bestimmt hat und worin ER uns segnen will.    Amen!