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Predigt am Sonntag Rogate, 17. Mai 2020

Predigt am Sonntag Rogate                    Schorndorf, 17. Mai 2020
Matthäus 6,5-13                                     Pfr. Thomas Fuchsloch

Gnade sei mit uns - und Friede,
von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus,
der da ist und der da war und der da kommen wird. Amen!


Der Wochenspruch zum Sonntag Rogate steht in Psalm 66,20
„Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, 
noch seine Güte von mir wendet.“

 
Liebe Gemeinde,
Jesus Christus selbst hat uns das Vaterunser gelehrt. Und Er hat sogar begründet,
weshalb wir gerade so beten sollen und worauf wir achten sollten.
Der Predigttext für den Sonntag Rogate steht im Matthäus-Evangelium, Kap. 6:
Jesus Christus spricht:
5.    Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen
       und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen.
       Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.
6.    Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu
       und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist;
       und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.
7.    Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden;
       denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.
8.    Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen.
       Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.
9.    Darum sollt ihr so beten:
       Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt.
10.  Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
11.  Unser tägliches Brot gib uns heute.
12.  Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
13.  Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
       Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Liebe Gemeinde,
Jesus selber sagte, dass wir so beten sollen: „Unser Vater im Himmel!“ Deshalb möchte ich meinen Ausführungen mich auf diese vier Worte beschränken.
Jesus geht es also darum, dass wir das Wichtige erkennen und dass wir uns bewusst sind, wen wir da ansprechen. Auch sollen wir nicht nur um der Sache willen drauf los plappern, als würde alles von unserer Gesprächsführung, von unseren Erkenntnissen und Wünschen abhängen. Gott ist eben kein Automat, der uns unverzüglich mit dem Gewünschten zufriedenzustellen hat - und Ärger auslöst, wie alle Automaten es tun, wenn sie nicht funktionieren, wie wir uns das wünschen. Weder ein Automatismus, noch ein Schauspiel soll es sein. Allerdings ist das Gespräch mit unserem Vater im Himmel so  lebenswichtig, dass es nicht nur im Vorübergehen zu erledigen ist.
Wenn wir einen ungestörten Raum dafür suchen sollen und die Tür zumachen sollen, dann bedeutet das, dass sich das Gebet, wie alle wichtigen Gespräche eben nicht zwischen Tür und Angel erledigen lässt.
Nichts gegen einen Zu-Ruf - nichts gegen einen Notruf, aber jedem Zu-Ruf ging bereits ein Austausch voraus oder er wird früher oder später folgen; und jedem Notruf wird eine intensive Begegnung und Betreuung folgen.
Und wenn wir in der Kirche oder in einem Kreis zusammen sind, dann sollten wir uns genauso zurückziehen und die Tür für all das zumachen, was an ablenkenden Gedanken herein will: - was noch alles zu erledigen ist; - wen wir noch treffen, was wir ihm noch sagen müssen, - was es nachher zu Essen geben soll; - was man machen könnte; - was wir nicht versäumen dürfen ; - oder sonst einer der Gedanken die dann durch den Kopf spazieren, wenn jemand mit starrem Blick vor sich hinstiert. Türe zu - bedeutet: Das alles soll draußen bleiben. Jetzt geht es um den, den wir ansprechen, um unsern Vater im Himmel!
„Vater unser im Himmel” - das lässt sich leicht in 3 Komponenten aufteilen: Vater - unser - Himmel.

1.    Zum ersten also, zum „Vater“
Hier sollten wir uns ruhig mal fragen, weshalb dies entscheidende, weltumspannende Gebet ausgerechnet mit „Vater“ und nicht mit einem andern Wort beginnt? Indem Jesus diese Anrede, den Vater, an erste Stelle setzt, klärt er gleich eine ganze Menge.
-    Er klärt die Beziehungsfrage. - Er klärt die Reihenfolge. - Er klärt die Prioritätsfrage.
-    Er klärt das Sorgerecht. - Und Er erklärt, wer der Vater ist.

Jesu klärt die Beziehungsfrage:
-    Denn jeder hat nun mal nur einen Vater; zwei sind einfach nicht möglich.
-    Niemand wird vor die Alternative gestellt, sich seinen Vater aussuchen zu müssen.
- Auch ist es nicht möglich, gar keinen Vater zu haben. Und wenn in dieser Sache die  Gentechnik Kapriolen schlagen sollte, dann geht dabei auch etwas kaputt, was kein Mensch verantworten kann.
Doch unser Vater im Himmel ist nur Einer - auch wenn wir manchmal auf zwei Seiten hinken oder wenn wir zuweilen ein geteiltes Herz haben. Wer ihm gehört, braucht keine Angst zu haben, dass dieser Vater ihn verlieren könnte. Und noch etwas: Wir dürfen Du zu ihm sagen. Kind meines Vaters zu sein, das kann ich nicht selbst machen. Aber ich kann mich freuen zu dem allmächtigen, heiligen Gott „Du“ sagen zu dürfen.

Zudem ist mit „Vater“ auch eine Reihenfolge geklärt:
Denn der Vater ist immer zuerst da, das Kind kommt später. So ist auch unser himmlischer Vater zuerst auf uns zugekommen, zuerst in unsre Rufweite gekommen. Er ist schon bereit, wenn wir nach ihm rufen. Wir müssen ihn nichts erst suchen, um dann mit ihm etwas besprechen zu können. Gott ist immer zuerst da, und unser Beten ist deshalb immer nur Antwort auf diese längst vorgegebene Tatsache.

Doch nicht nur die Reihenfolge, auch die Prioritätsfrage ist damit geklärt:
Zuerst geht es darum, dass wir Kind sind. Dass wir nach dem Vater rufen, der über unseren Horizont hinaussieht. Kinder lassen sich von ihren Eltern bedenkenlos versorgen. Von klein auf suchen sie das was sie entdecken, zu greifen. Und die Eltern sorgen sich um die Grenzen. Sie wissen was gut und schön, was hilfreich und notwendig, was verdaubar und was gefährlich ist.
Wenn wir unsern Vater im Himmel um etwas bitten, dann sollten wir nicht meinen, ihm irgendeine Neuigkeit erklären zu müssen - eine Entdeckung, die zwar wir, aber noch nicht er kennen würde. Auch Heimlichkeiten brauchen wir nicht erst diplomatisch vortragen oder zurückhalten. Unser Bitten hat nicht den Sinn, dass wir unsere Interessen ängstlich verteidigen müssten wie ein Rechtsanwalt vorbringen müssten, damit Gott ja nicht vergisst, woran uns gelegen ist. Gott sei Dank, dass wir auch nicht auf Gedeih und Verderben darauf angewiesen sind, nur ja die richtigen Wünsche vorzutragen; oder eine richtige Diagnose über unsere Nöte und Unordnungen vorlegen zu müssen. Nein - wir müssen Gott keinen wohl disponierten und klar abgestuften Gebetsantrag vorlegen. Er, der Vater ist mit seinem Durchblick und seiner Güte immer eher da, als wir mit unseren vielen Erklärungen und unserem Abwägen oder Verschweigen.
Eigentlich zentralisiert sich alles auf seine Vaterschaft! Die Hauptsache beim Beten ist nicht zuerst, dass wir unsere Anliegen vortragen. Die Hauptsache ist vielmehr die persönliche, die gelebte Gemeinschaft mit dem Vater - dass wir eben „Vater“ sagen. Und dass wir nach ihm rufen, weil er schon längst in Reichweite ist.

Damit ist auch das Sorgerecht klar:
Denn Kinder können nicht das Sorgerecht für sich selbst wahrnehmen. Da wären sie überfordert. Auch sollten wir uns nicht Seinem Sorgerecht entziehen, denn dann sorgen andere Mächte dafür, dass Gottes Segen zerstört wird oder andere Machtinteressen auf unsere Kosten profitieren.
Gott will für uns sorgen. Er will, dass wir wachsen. Und dass wir es zu etwas bringen. Dass wir Freude und Liebe erleben und teilen - verteilen mitteilen und austeilen; vor allem aber auch daran teilhaben.
Um uns den Vater lieb zu machen, hat darum Jesus uns erklärt, wer er ist. Jesus sagt im Johannesevangelium: „Wenn ihr mich erkannt habt, so werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Und von nun an kennt ihr ihn und habt ihn gesehen.“ (Johannes 14,7)

Das heißt: Unser Vater im Himmel leidet auch mit uns mit. Da ist keine Not, die nicht an ihm vorüber gegangen wäre. Eben deshalb hat der Vater seinen Sohn, hat Er Jesus in diesen, unseren Abgrund  menschlichen Leides und Gewalt gesandt, um uns herauszuholen, um diesen Riss der durch die Schöpfung gegangen ist zu überwinden. Und so lädt uns Jesus ein, zusammen mit ihm „unser Vater“ zu sagen.

2.    Das ist die zweite Komponente: Gleich nach dem Vater kommt das „Unser“
Das ist schon großartig, wie Jesus uns in diese Gemeinschaft herein holt. Jesus betet mit uns mit. Dieses Wörtchen „Unser“ steht dafür, dass wir nicht alleine sind, sondern eine große Gemeinschaft, in der nicht einer sich über den andern erheben kann - in der nicht einer benachteiligt würde.
Wenn wir beten „Vater unser“ so stehen wir dazu, dass wir eine Vergebens-Gemeinschaft sind - das heißt, alle Gnade uns Vergebung brauchen. Und wir sind eine Notgemeinschaft, die Hilfe braucht, wo wir uns nicht selber helfen können. Und wir sind eine Segensgemeinschaft, weil Gott ein Interesse an uns allen hat. Und wir sind eine Dienstgemeinschaft, indem wir die Bitten des Vaterunsers miteinander und aneinander umsetzen sollen: Dass Gottes Wille geschehe  dass das tägliche Brot geteilt wird - dass wir einander vergeben und erleben wie sein Reich sich entfaltet.
Die Anrede „Vater unser“ bedeutet aber auch, dass wir miteinander mit ihm reden und nicht über ihn reden. Je weniger wir Menschen beten, je weniger wir mit ihm reden, desto mehr reden wir über Gott. Doch dann wird der Segen unterbrochen, dann bricht die Lebensbrücke, obwohl diese Gespräche so fromm und ernsthaft klingen.
Wenn wir die Gemeinschaft mit dem Vater verlieren, zerbröckelt auch die Gemeinschaft untereinander. Wo nicht Liebe und Vergebung im Vordergrund stehen, machen sich Wettbewerb, Neid und Eifersucht breit.
Zu Gemeinschaft gehört auch, dass wir füreinander beten, ja betend eintreten, wenn einer zu schwach ist oder keine Worte findet. Jesu selbst beteiligt sich dabei. Er sagt einmal: „Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre!“ Ist das nicht ein großartiger Gedanke? Eh wir am Morgen aufstehen und unsere Gedanken sortieren, hat Er im Himmel schon für uns gebetet.

3. Deshalb sollten wir auch die dritte Komponente, den „Himmel“ im Blickfeld haben.
Denn mit jedem Gebet, mit jedem Vaterunser, mit jedem Wort Gottes, mit Gottes Anrede aus der Bibel, stehen wir in Verbindung mit dem Himmel, erleben wir ein Stück von seiner großen und herrlichen Ewigkeit.
Manche tun sich schwer mit dem Himmel:
-    Gibt es doch kein Fernglas, mit dem man diesen Ort ausfindig machen könnte.
-    Gibt es doch keinen Raumflug, mit dem man diesen ort erreichen könnte.
-    Gibt es doch keine Astronomie, mit der man sich diesen Ort erklären könnte.
Es ist erstaunlich, wie viele den Himmel ablehnen und sich in esoterische Ebenen flüchten, sich okkulten Mächten aussetzen, und ihr Herz an die Geister der Wahrsagerei hängen.
Manche tun sich schwer mit dem Vater im Himmel und reden lieber vom Ewigen und Erhabenen - vom Allmächtigen und den guten Mächten, weit und hoch genug um zur Beruhigung ein wenig davon naschen zu können. Doch Jesus hat uns auch den Himmel nahe gebracht. Mit Jesus haben wir eine interessante Gebetsgemeinschaft gleichzeitig er im Himmel und wir auf Erden.
Jesus hat uns die Sorge und die Liebe des Vaters nahe gebracht.
Er hat uns diese einzigartig Beziehung ermöglicht - nämlich das, was wir so sehr brauchen:
- nämlich als Kinder einen Vater zu haben, - der für jeden von uns da ist.
  Er: „Unser Vater im Himmel!“ Amen!