Predigt vom Sonntag, 14. Juni 2020

Predigt zum 1. Sonntag nach Trinitatis                         über Apostelgeschichte 4,32-37        
Versöhnungskirche Schorndorf, 13. / 14.06.2020         Pfr. i.R. Rainer Härer
 

Wochenspruch aus Lukas 10,16a):  
Christus spricht:
„Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich:“

32     Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele;      
         auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären,
         sondern es war ihnen alles gemeinsam.
33     Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus,
         und große Gnade war bei ihnen allen.
34     Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte;      
         denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte,      
         verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte
35     und legte es den Aposteln zu Füßen;      
         und man gab einem jeden, was er nötig hatte.
36     Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde
         – das heißt übersetzt:  
         Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig,
37     der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld
         und legte es den Aposteln zu Füßen.

Liebe Gemeinde,
manche von uns kennen vielleicht noch die Fernsehserie »Ein Herz und eine Seele« aus den siebziger Jahren. Mit dem Vater Alfred Tetzlaff, »Ekel Alfred« genannt. Der über alles in Politik und Gesellschaft zu meckern hat. Der seine Frau Else immer wieder als »dusselige Kuh« beschimpft. Und der an Tochter und seinem Schwiegersohn kein gutes Haar lässt.
Also, von dieser Familie kann man ganz bestimmt nicht sagen: »Ein Herz und eine Seele«!
 
Das krasse Gegenteil davon ist die Urgemeinde in Jerusalem, von der uns Lukas in unserem Predigttext berichtet. Bei ihr gilt mit Recht: »Ein Herz und eine Seele«.     
 
Deshalb:

1.    Gemeinde Jesu – ein Herz und eine Seele
 
Diese Gemeinde stellt ein Vorbild dar für alle christlichen Gemeinden bis heute. Denn die
Gläubigen leben Harmonie, ohne Neid und Streit. Sie bitten Gott, dass er ihnen Mut und Freiheit schenkt, das Wort Gottes zu verkündigen. Die Botschaft vom Retter Jesus Christus. Eine intakte Gemeinde. Eine Gemeinde mit Ausstrahlung.
 
Ganz im Gegenteil zu nicht wenigen Gemeinden bei uns heute. Wo oft unterschiedliche Meinungen aufeinanderprallen. Wo Uneinigkeit herrscht. Wo manche Mitchristen anderen aus dem Weg gehen. Also alles andere als »Ein Herz und eine Seele«. Woran mag das liegen? Neben theologischen Differenzen ganz sicher unterschiedliche Gründe.
 
Unsere Gesellschaft ist weithin vom Individualismus geprägt. Da geht es nicht um das
Gemeinsame. »Ich, mein, Erfolg, Spaß« stehen für die meisten Menschen im Zentrum.
Auch in der christlichen Gemeinde sieht es oft nicht anders aus: Ich will im Glauben wachsen. Ich will etwas vom Gottesdienst haben. Ich will vorne stehen – das hört man öfter als ein Wir. 
 
Im Predigttext wird uns die Urgemeinde als eine Gemeinschaft gezeigt, in der das Miteinander und Füreinander im Vordergrund stehen. 
Fragen wir also:
•    Was zeichnet diese Gemeinde sonst noch aus?
•    Was können wir von ihr lernen?
•    Was ist die Mitte, das Zentrum dieser Gemeinde? 

2.    Gemeinde Jesu – im Zentrum der auferstandene Jesus Christus
 

In unseren Gemeinden gibt es erfreulicherweise vielfältige Aktivitäten, Gruppen und Kreise. Doch was steht im Zent-rum aller Gemeindearbeit? Was ist unser Alleinstellungsmerkmal als Christen?
 
Unser Bibelabschnitt gibt klare Auskunft: Das Zeugnis von Jesus, dem auferstandenen Herrn. Als die Apostel Petrus und Johannes vor dem Hohen Rat standen und Rechenschaft über ihren Glauben ablegen mussten, da haben sie sich ganz klar zu Jesus Christus bekannt: „In keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig (gerettet) werden“ (Apg. 4,12). Jesus Christus ist und bleibt das Zent-rum unseres christlichen Glaubens.
 
Ich möchte das am Beispiel eines Rades verdeutlichen: In der Mitte des Rades befindet sich die Nabe. Auf sie laufen alle Speichen strahlenförmig zu. Die Nabe gibt ihnen Halt. Ohne Nabe ist also kein Rad funktionsfähig.
Genauso verhält es sich mit unserem Glauben: Ohne die befreiende Nachricht, dass Jesus von den Toten auferstanden ist, ist kein christlicher Glaube möglich. Keine Gemeinschaft. Keine Hoffnung auf Gottes ewiges Reich. Ohne den auferstandenen Jesus wäre unser Glaube reine Illusion. Ohne Jesus würden wir die Menschen betrügen, die einen festen Halt und Hoffnung für ihr Leben suchen. Die Apostel sind Zeugen, dass Jesus lebt, weil der Auferstandene ihnen selbst begegnet ist. Ihnen dürfen wir glauben!
 
Was also Christen aller Zeiten verbindet,
•    sind nicht die gleichen Interessen.  
•    Auch nicht die gleichen politischen Einstellungen.
Sondern es ist der Glaube an den Erlöser Jesus Christus. An den Jesus, der am Kreuz stellvertretend für unsere Schuld, für unsere Gottlosigkeit gestorben ist.  
 
Wer sein Leben diesem Jesus anvertraut und an ihn glaubt, der weiß sicher: Meine Schuld ist vergeben. Gott hat mir seine Versöhnung geschenkt. Ich darf zu Jesus gehören für Zeit und Ewigkeit. Und nach meinem Tod werde ich einmal bei ihm sein in seiner himmlischen Herrlichkeit. Welch eine Hoffnung für mein Leben und mein Sterben! Das kann uns sonst niemand bieten. Keine Religion, keine Philosophie. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal als Christen!
 
Diese großartige Botschaft von Jesus, dem Auferstandenen, haben die Apostel damals glasklar und mit großer Kraft verkündigt. »Dynamis« steht da im griechischen Urtext. Voller Kraft, voller Dynamik, haben sie Jesus als den Retter bezeugt.  
 
Wie steht es bei uns heute? Haben wir den Mut, unseren Glauben an Jesus zu bekennen? Andere zum Gottesdienst einzuladen? Zum Glauben an Jesus ermutigen? Lasst uns Gott um seinen Heiligen Geist bitten. Denn er gibt uns den Mut, von Jesus als dem Herrn und weiterzusagen. Und daraus erwächst auch die Einmütigkeit der Gemeinde.
 
Das Zentrum der Gemeinde ist und bleibt eindeutig Jesus Christus, der auferstandene Herr! Durch IHN gewinnt unsere Verkündigung und unser Leben als christliche Gemeinde Ausstrahlungskraft für andere.  
 
Darum die Frage: Geht es im Frauenkreis, im Kirchenchor, im Männerkreis, im Kindergarten, in der Jugend-arbeit um JESUS? Wenn ja, dann breitet sich die große Gnade Gottes, von der Lukas schreibt, auch unter uns aus.
Denn Gottes Erbarmen ist es, was Menschen staunen lässt!  
 
Ein Ehepaar war Mitglied bei den Zeugen Jehovas. Aber dort wurden sie nicht heimisch. Sie besuchten am Sonntag einen evangelischen Gottesdienst mit Ausstrahlungskraft. Mit Tränen in den Augen bekannten sie hinterher: »Hier im Gottesdienst sind wir das erste Mal Gott begegnet«.  
 
Wir als Christen haben etwas anzubieten, was es sonst in der Welt nicht gibt: Die rettende Botschaft von der Vergebung unserer Schuld und des neuen Lebens durch Jesus.

3.    Gemeinde Jesu – zum Teilen bereit
 

Zurück zum Text: Die Gemeinschaft der Gläubigen hat sich nicht nur im gemeinsamen Glauben an Jesus gezeigt.
Als zweites Merkmal dieser Ausstrahlungskraft wird genannt: Die Gläubigen haben Verantwortung füreinander übernommen: „Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte“ (32c). Für jeden wurde gesorgt, dass ihm das zum Leben Notwendige zur Verfügung stand.  Lukas berichtet von den ersten Christen das schier Unglaubliche: „Auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam“ (32b). Wir fragen uns vielleicht verwundert: Kann so etwas überhaupt funktionieren? Dass man gesagt hat: »Mein Besitz ist nicht mein Besitz, sondern er gehört uns allen!«  
 
Mir scheint, die ersten Nachfolger Jesu haben dabei ihren Herrn vor Augen. Denn Jesus hat eindringlich vor der Macht von Geld und Besitz gewarnt. Vor der Gier, vor dem immer noch mehr haben wollen. Weil das uns Menschen gefangen nimmt und nicht mehr loslässt. Deshalb sagt Jesus in der Bergpredigt: „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz“ (Matthäus 6,21). Und: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Matthäus 6,24).
 
Denken wir nur an den reichen jungen Mann. Er war zu Jesus gekommen, weil er wissen wollte, wie er das ewige Leben bekommen kann. Jesus hat ihn aufgefordert, seinen ganzen Besitz zu verkaufen. Dann habe er einen Schatz im Himmel. Doch der junge Mann hat’s nicht getan. Er ist traurig weggegangen, weil er viele Güter hatte. Von denen wollte er sich nicht lösen.
 
Auch Christen sind nicht davor gefeit, ihr Herz an Besitz und Geld zu hängen. Es soll ja auch vorkommen, dass christliche Familien sich beim Erben nicht einigen können und fortan nicht mehr miteinander reden. Das ist sehr traurig - und kein Ruhmesblatt für Nachfolger Jesu!
 
Gottes Geist hat damals die Christen zum Teilen bereitgemacht. Sie konnten gar nicht anders, als einander zu helfen, den Besitz zu teilen. Und somit dafür zu sorgen, dass  niemand Not leiden musste. So eng waren sie untereinander verbunden, eben »ein Herz und eine Seele«.  
 
Heute würde man vielleicht sagen: Dazu wurde ein Modellversuch gestartet, der sich zunächst bewähren sollte: Die Gemeindeglieder mit Besitz sind bereit gewesen, Land und Häuser zu verkaufen und den Erlös den Aposteln zu übergeben. Diese haben dann das Geld unter die Bedürftigen verteilt, damit sie Brot zum Leben hatten.

Namentlich genannt wird hier Barnabas. Auch er hat einen Acker verkauft, um mit dem Erlös die Bedürftigen in der Gemeinde zu unterstützen. Später hat er den Apostel Paulus auf dessen ersten Missionsreise nach Zypern begleitet.
 
Großartig, diese urchristliche Gütergemeinschaft mit dem Verkauf von Besitz und Gütern. Aber konnte dieses Projekt überhaupt auf Dauer gelingen? In der Tat, es gab bald die ersten Probleme: 
 
Gleich im Anschluss an unseren Abschnitt folgt – gleichsam als dunkle Folie – die Erzählung von Hananias und seiner Frau Saphira. Die beiden haben auch einen Acker verkauft, aber einen Teil des Geldes für sich behalten. Die Apostel haben sie aber über die wahre Summe belogen. Beide sind zum Erschrecken aller kurz hintereinander gestorben.
Kurz darauf hat es dann in der Gemeinde rumort. Denn bei der täglichen Versorgung wurde die griechisch sprechenden Witwen der Gemeinde übersehen. Nur Sprachprobleme? Nun, die Apostel haben das Problem erkannt und gelöst: Sie haben sieben Diakone ein gesetzt, die zunächst hauptsächlich für die Essensversorgung zuständig waren. 
Auf längere Frist ist die Gemeinde in Jerusalem ohne eigenen Besitz aber verarmt. Hat sie mit der baldigen Wiederkunft von Jesus gerechnet? Der Apostel Paulus ist in dieser schwierigen Situation aktiv geworden: Er hat nämlich die heidenchristlichen Gemeinden in Griechenland und Kleinasien dazu aufgerufen, durch Sammlungen der Gemeinde in Jerusalem beizustehen.
 
Und wir heute? Gott sei Dank gibt es bei uns den flächendeckenden Einsatz der Diakonie. Sie hilft mit ihren vielfältigen Projekten vielen notleidenden Menschen. Neben staatlicher Zuwendung und kirchlicher Unterstützung kann sie ihre Arbeit auch durch Spenden tun. 
 
Doch auch an uns richtet Jesus die Frage: Wie haltet ihr es mit Besitz und Vermögen? Wovon habt ihr zu viel und könnt davon abgeben? Jeder von uns ist aufgerufen, nach seinen Möglichkeiten zu teilen und damit zu helfen:
•    Spenden für die Aufgaben der eigenen Gemeinde.
•    Unterstützung von Missionarinnen und Missionaren.
•    Spenden für Notleidende in unserer Stadt.
•    Zeit mit anderen teilen, für sie da sein.
•    Für andere beten, vor Gott für sie eintreten
•    Oder ein offenes Ohr haben und anderen zuhören.
•    Und einander einfach mit Freundlichkeit begegnen.
 
Geben - zum Teilen bereit sein: Auch so kann Gemeinschaft gelebt und das Miteinander in der Gemeinde gestärkt werden. Damit auch bei uns spürbar wird, dass wir »ein Herz und eine Seele« sind. Dazu möge uns Gottes Geist helfen.   Amen.