Bild: Dagmar Röseler

Gottesdienst am Karfreitag, 10. April 2020

Predigt am Karfreitag                                         Schorndorf, 10. April 2020
2. Korinther 5,14-21                                          Pfr. Thomas Fuchsloch

Gnade sei mit uns - und Friede, von Gott unserem Vater
und unserem Herrn Jesus Christus,
der da ist und der da war und der da kommen wird. Amen!


Der Predigttext für den heutigen Karfreitag steht im 2. Korintherbrief, Kap. 5

14     Denn die Liebe Christi drängt uns, zumal wir überzeugt sind, dass,
         wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben.
15     Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben,
         hinfort nicht sich selbst leben,
         sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.
16     Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch;
         und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch,
         so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr.
17     Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur;
         das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.
18     Aber das alles von Gott,
         der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus
         und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt.
19     Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber
         und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu
         und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
20     So sind wir nun Botschafter an Christi Statt,
         denn Gott ermahnt durch uns;
         so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!
21     Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte
         für uns zur Sünde gemacht,
         damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Liebe Gemeinde,
es ist ein Wort, das unserem heutigen Predigttext ein markantes Gepräge gibt: Nämlich das Wort Versöhnung. Paulus schreibt davon, dass Gott das Wort von der Versöhnung unter uns aufgerichtet hat und uns das Amt gegeben hat, die Versöhnung zu predigen.
Ja mehr noch: Paulus bezieht uns ganz persönlich mit ein: Weil Gott sich selber versöhnt hat durch Christus, darum sollen auch wir uns mit Gott versöhnen lassen.

Liebe Gemeinde,
diese Versöhnung am Kreuz auf Golgatha ist tatsächlich etwas Einmaliges! Diese Versöhnung ist nicht nur etwas Wunderbares, sondern ein Wunder in sich, weil daraus etwas Neues entsteht. Paulus schreibt: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur, das Alte ist vergangen, siehe ein Neues ist geworden!“ Das kann kein Mensch sich geben, das kann nur Gott bewirken!

Jesus selbst hat für dieses „Neuwerden“ einmal ein sehr anschauliches Beispiel gebraucht:
Er sagte: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht (Johannes 12,24)“  
Ein in einer Schatulle sorgsam aufbewahrtes Weizenkorn, wohl behütet und hingebungsvoll bewundert, nützt überhaupt nichts. Es muss hinein in die Erde, damit daraus ganz neues Leben wachsen kann. Genau darum kam Jesus in unsere Welt herein, um durch seine Versöhnung am Kreuz uns einen Neuanfang zu ermöglichen. Jesus kam aus Liebe in unsere Welt hinein, um uns herauszuholen aus dem, worin wir festgefahren sind, worin wir uns verstrickt haben, woraus wir uns nicht selber befreien können.
Allerdings: So wenig ein Landwirt seine Saatkörner in einer Vitrine zur Schau stellt, genauso wenig sollten wir Jesus nicht allein den Künstlern überlassen, die ihn eben darstellen - oder den Bibelübersetzern, die ihn vortrefflich in Worte zu fassen wissen. Sondern so, wie das Saatkorn in die Erde muss, sollte Jesus unser Innerstes, unser Denken erfüllen, eben Raum gewinnen in unserem Leben, damit Segen daraus erwachsen kann, ja neues Leben - mit Ewigkeitsqualität.

Die Versöhnung am Kreuz auf Golgatha ist nicht eine historische Sache an sich, sondern hat Bedeutung für mich. Die Versöhnung am Kreuz auf Golgatha kommt erst ans Ziel, wenn ich eine persönliche Beziehung dazu bekomme.
Ich möchte diese persönliche Beziehung in drei Punkten erfassen:
    1. Die Liebe Jesu begreifen
    2. Die Liebe Jesu annehmen
    3. Die Liebe Jesu weitergeben

Darum also erstens:
1. Die Liebe Jesu begreifen
Das ist einfacher gesagt als getan. Dazu braucht es nicht nur die Einsicht, dass ich ganz persönlich gemeint bin, sondern auch das Verständnis dafür, was die Liebe Jesu für mich bedeutet und was ich versäume, wenn sie mir entgeht. Manchmal braucht es einfach Zeit und Gottes Führung, bis es ein Mensch begreift, was Gottes Liebe für ihn bedeutet.

So auch bei jener Begebenheit die sich Anfang des letzten Jahrhunderts in Russland begab.     Nach der Revolution 1917 tobte dort mehrere Jahre ein erbitterter Bürgerkrieg zwischen der konservativen Bevölkerung und den Kommunisten. Zu dieser Zeit ging ein orthodoxer Priester eine Straße entlang, als er sah, wie Soldaten der Weißen Armee einen kommunistischen Soldaten an einen Baum banden, um ihn hinzurichten. Der Offizier des Exekutionskommandos sah den Priester und grüßte ihn mit dem üblichen Gruß in Russland: „Segne uns, Vater!” Der Priester antwortete: „Ich kann einen Mord nicht segnen!” Die Soldaten waren durch die Worte des Priesters so betroffen, dass sie ihren Gefangenen frei ließen.
Einige Zeit später rief eine Frau den gleichen Priester zu ihrem sterbenden Sohn, damit er ihm die Sterbesakramente verleihen sollte. Als der Priester das Haus betrat, schrie der Sohn wütend:
„Ich will keinen Priester. Diese Bösewichte sollten alle umgebracht werden. Ich bin Kommunist.
Ich kann Priester nicht ausstehen.” Doch dann erkannte er plötzlich den Priester. Es war genau der, der ihm neulich das Leben gerettet hatte. „Du hast mir das Leben gerettet. Aber ich hatte den Auftrag, dich umzubringen. - Wenn du das gewusst hättest, hättest du dann genauso gehandelt?” „Auch dann”, antwortete der Priester, „auch dann hätte ich keinen Mord gesegnet,
denn Gott hat für uns alle Vergebung und Liebe bereit. Seine Liebe ist stärker als der Tod!
Nun hat mich Gott ein zweites Mal zu dir geschickt, um dich zu retten.”
Einige Tage später war der junge Mann tot. Doch der ganze Hass war aus seinem Leben gewichen und hatte der Liebe und Versöhnung Gottes Platz gemacht. Nun war er im wahrsten Sinne des Wortes zu seinem Vater im Himmel heimgegangen.

Wie oft hatte er wohl zuvor die Einladung Gottes vergeblich gehört? Wie viel Gebete der Mutter waren scheinbar ins Leere gegangen? Wie viel Hass und Verletzungen wie viel Herzeleid könnten erspart bleiben wenn es die Menschen früher begreifen würden, was es heißt ein Miteinander in Liebe zu suchen? Weil wir wissen, dass Gott sich nach Versöhnung sehnt, sollten wir nicht vorzeitig aufgeben. Wenn uns bewusst ist, wie viel Geduld Gott für uns braucht, ent-wickeln wir vielleicht auch mehr Geduld, um anderen mit Liebe und Treue zu begegnen.
   
Doch das Begreifen allein genügt nicht, wenn jemand die Liebe Jesu nicht tatsächlich auch annimmt - darum:

2. Die Liebe Jesu annehmen
Die Liebe Jesu kann ich nämlich annehmen, indem ich anfange abzugeben. Es ist wie bei unseren alltäglichen Gewohnheiten. Wer z.B.  seine Wohnung in Ordnung halten will, muss ein-fach das loswerden, was lästig ist und nicht hineingehört. Wir nennen das Müllentsorgung und praktizieren das mehr oder weniger gut im Rahmen der uns vorgegebenen Regelungen:
Glas kommt in die verschiedenen Container, Altpapier ebenso. Alte Medikamente bringen wir zur Apotheke und Altöl nimmt der Händler zurück. Plastik kommt in die gelbe Tonne und Küchen-abfälle in braune. So versuchen wir, verantwortlich mit all dem umzugehen, was wir loswerden müssen. Der Grüne Punkt und die Blauen Engel begleiten uns.
Aber wie verhält es sich mit dem Lebensmüll, der sich im Laufe der Jahre so ansammelt: Mit den verlogenen Phrasen und billigen Tröstungen, den verfaulten Fantasien, dem Beziehungsschrott, den lange schon eiternden Verletzungen, den Schuldgefühlen und lange Listen an Versagen, all dem Negativen, das sich eingeschlichen hat. Aber auch das Bedrückende, der verbeulten Seele und dem angefressenen Herzen - und den Sorgenbergen, die noch unentsorgt in unseren Seelen ein ungeordnetes Gerümpel bilden? Doch dabei will uns Christus helfen, wenn wir es annehmen, dass wir es bei Ihm abgeben können! „All eure Sorge werft auf Ihn” (1. Petrus 5,7). Unter dem Kreuz Jesu dürfen wir alles, was Herz und Seele schmerzt, Schuld und Versagen, beschädigtes und verletztes, verfaultes und dreckiges Lebensgut abgeben und loswerden.
Vergebung und Heilung, Versöhnung und Reinigung, Entlastung und Erneuerung sind die Angebote unseres Heilands am Kreuz. Er gibt uns mehr als Grüne Punkte und Blaue Engel.

Er schenkt uns ein geheiligtes und verwandeltes Leben ohne Verfallsdatum und mit ganz viel Hoffnung auf letzte Vollendung. Darum sollten wir die Sache mit dem Abgeben annehmen. Und es ruhig auch weitersagen. Denn die Liebe Jesu will nicht nur begriffen und angenommen, sondern auch weitergegeben werden - darum:

3. Die Liebe Jesu weitergeben
Paulus will dass wir Botschafter sein sollen: „So sind wir nun Botschafter an Christi Statt.“ Das ist eine ehrenvolle Aufgabe. Denn nicht jeder kann so einfach als Botschafter auftreten. Immerhin hat ein Botschafter die Interessen seines Landes gegenüber dem Gastland zu vertreten. Die Interessen sind zu vertreten und umgekehrt die Bedürfnisse der andern zu übermitteln.

Um die Bedürfnisse durchzugeben, hat ein Botschafter mindestens drei mal täglich mit der Regierung seines Heimatlandes Kontakt aufzunehmen. Eine Aufgabe, die sich für uns durch das Gebet, durch die Fürbitte wunderbar umsetzen lässt.

Was aber sind dann die Interessen aus Gottes Reich die es zu vertreten gilt? Was könnten wir aufzählen, wenn wir die Anliegen und Interessen Gottes benennen sollten?
An erster Stelle ist sicher die Liebe zu nennen. „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben” (Johannes 3,16 - der Tagesspruch zum heutigen Karfreitag).
Aus der Liebe heraus lassen sich dann die weiteren Anliegen begründen. Dazu gehört die Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, die bis in die Ewigkeit hält. Damit verbunden sind Versöhnung und Frieden. Aber auch die Chance immer wieder neu anfangen zu können.
Das alles sind Anliegen, die eigentlich nur Zustimmung finden müssten - und dennoch tun sich so viele schwer, diese Liebe Jesu zu begreifen und anzunehmen. Wir sind jedenfalls von Gott erwählt, sein Wertvollstes zu vertreten und haben dabei seine volle Rückendeckung. Ob uns das wohl abzuspüren ist?

Gott hat viel Geduld mit uns und noch viel mehr Liebe, die er in uns investieren möchte.
Und das Schöne dabei ist, dass er sich nicht so leicht draus bringen oder entmutigen lässt.
Wenn nun ER so viel in uns setzt, sollten wir dann nicht noch viel mehr
die Versöhnung mit IHM und untereinander zu leben versuchen?!  Amen.