Abschlussgottesdienst des 16. Vernetzungstreffens der
ökumenischen Friedensgebetsgruppen Deutschlands in Schorndorf 2011


Liebe Gemeinde!

Das Thema unseres 16. Vernetzungstreffens der ökumenischen Friedensgebetsgruppen stammt aus der Präambel der UN-Charta: „Von der Geißel des Krieges befreien.“  
Für diesen Gottesdienst habe ich zusammenfassend und zugleich zukunftsgerichtet das Wort aus Luk 1,79 gewählt:
und lenke unsere Füße auf den Weg des Friedens.“

 

Gesagt hat das Zacharias, der Vater von Johannes dem Täufer, der mit JESUS verwandt war. Er hat gesprochen von dem Licht für die Verzweifelten, Hoffnungslosen, für die auf der Schattenseite des Lebens und die unter Gewalt und Todesängsten Lebenden. Und dass dieses Licht ihnen den Weg zum Frieden zeigt, heraus aus Gewalt und Angst.

 

Hass, Gewalt, Angst, Krieg und Tod: Das sind die Zustände, die das vorige Jahrhundert prägten und bis heute noch an vielen Orten unserer Erde grausame Realität sind. Stellvertretend für Gewalt und Krieg steht der 1. September. Denn am 1. September 1939 begann mit dem Überfall Hitler-Deutschlands auf Polen der 2. Weltkrieg mit unvorstellbaren Gräueln und etwa 50 Millionen Toten, Millionen von Vertriebenen und Umgesiedelten, Millionen Verletzter, Verkrüppelter, Vermisster, mit der Zerstörung von Städten und Dörfern und einem bleibenden Schaden bei den vergewaltigten Frauen, gefolterten Gefangenen, den Kriegsgefangenen, den Menschen, die überlebt hatten. Überlebt! Aber seelisch versehrt bis ans Lebensende. Keine Statistik erfasst sie. Nur ein Kennzeichen war nie zu übersehen: Sie wollten nicht oder sie konnten  nicht über all das sprechen.

 

So wie es der russisch orthodoxe Erzpriester Wjatscheslaw in diesem Jahr auf einer Tour der Versöhnung durch Russland und Deutschland 70 Jahre (22.VI.1941) nach dem Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion in einer Andacht sagte von seinem Vater, „der nie über den Krieg sprach. Nur wenn er viel getrunken hatte, habe er sich auf sein  Bett gesetzt und die Augen geschlossen. Dann erzählte der Vater von dem deutschen Panzerangriff. Wie er in völliger Finsternis mit einer zerschlagenen Hüfte über die Leichen seiner Freunde kroch, sie waren plattgewalzt worden. Das habe ich als kleiner Junge aufgesaugt, wie mein Vater mit aufgeknöpftem Hemd dasaß und sagte: „Schlimmeres als das gibt es nicht.““

 

Ja, Schlimmeres als Krieg gibt es nicht.
Und schlimm ist es immer wieder, nicht über das Schlimme reden zu können.

 

Das gilt auch für die alltägliche Gewalt in der Öffentlichkeit, auf der Straße, in Schulen, am Arbeitsplatz, in den Beziehungen, die Missbrauchsfälle in Familien und Verwandtschaft und wo immer Gewalt, Demütigung, Ungerechtigkeit, Ohnmacht, Ausgeliefertsein  erfahren und erlitten wird.

 

Nicht darüber sprechen heißt aber, mit der Angst, mit dem Schmerz, mit der ohnmächtigen Wut bei sich zu bleiben, eingeschlossen wie in einem dunklen Raum.
Aber jeder Raum hat eine Tür.
Die kann verschlossen sein von außen oder von innen.
Die kann schützen oder einschließen.
Manche meinen wohl auch, dass es sie schütze, wenn sie nicht darüber reden. Damit sie nicht auffallen, dass die Täter damit besänftigt würden und abgehalten von erneuter Gewalt.
Und um  die schreckliche Situation nicht gefühlsmäßig erneut durchmachen zu müssen.

 

So zu denken ist zwar verständlich, aber schädigend. Denn ich bleibe damit im Finstern, allein mit der Angst und dem Schmerz und der ohnmächtigen Wut. Und längere Zeit „eingeschlossen“ zu sein tut niemandem gut, macht krank.

 

Darum reden wir heute von dem Licht, das den Weg zum Frieden zeigt, heraus aus Angst und Enge. Das Licht, das Gestalt geworden ist in der Person von JESUS CHRISTUS und DESSEN alternativen Worten SEINER Bergpredigt.

 

Ein ermutigendes Wort, ein solidarisches Beisammensein wie zu unserem Vernetzungswoch-enende und jetzt hier in der Kirche ist wie der Lichtstrahl durchs Schlüsselloch, der uns erinnert, dass der dunkle Raum ein Tür hat, die sich öffnen lässt.
∙ Anfangen zu sprechen mit einem Menschen  des Vertrauens ist der erste Schritt heraus aus dem dunklen Raum der Enge und Angst.
∙ In der Öffentlichkeit einer Kirche, eines Friedensgebetes, einer Tagung darüber sprechen zu können: da ist die Tür schon weit aufgetan. Da sind die Füße schon auf dem Weg des Friedens, da ist der Weg des Friedens schon beschritten! Da bekommt man den Kopf wieder frei zum nachdenken und Einordnen. Auch am heutigen 11. September.

 

Vor 10 Jahren geschah etwas, was Amerika nicht einmal im 2. Weltkrieg widerfuhr. Im Herzen Amerikas, in New York der Anschlag, der die beiden Türme des World Trade Centers zum Einsturz brachte und 2977 Menschen in den Tod riss. Die Reisetasche des einen Selbstmordattentäters, Mohammed Atta, war in der Flugabfertigung auf dem Bostoner Airport liegen geblieben und nicht in der Todesmaschine. In dieser Tasche fand man sein 1996 geschriebenes Testament. Darin heißt es: „Ich glaube, dass Mohammed Gottes Gesandter ist und habe nicht den geringsten Zweifel, dass die Zeit kommen wird, da Gott alle Menschen aus ihren Gräbern wieder auferstehen lässt.“ Dazu Angaben zu seiner Beerdigung.

 

Er lenkt das vollgetankte Flugzeug mit allen Passagieren wie ein Geschoss in den Nordturm. In dem Bewusstsein, dass es nichts Höheres gibt, als im Namen Gottes sein Leben zu geben und im Namen Gottes das Leben zu nehmen denen, die durch ihre Lebensweise Gott, den Allmächtigen, lästern. Terror und Suizid als Gottesdienst!
Gottes-Dienst?

 

Wer hat in Wahrheit seine Gedanken gelenkt? Wer hat in Wahrheit die Gedanken und Vor-haben der christlichen Kreuzfahrer im Mittelalter gelenkt, die in Vernichtungskreuzzügen über die Muslime hergefallen sind? Muss immer wieder Gott herhalten zur Rechtfertigung von menschengemachtem Terror und Gewalt und Machtstreben? Sind nicht vielmehr Terror und Gewalt selbst die eigentlichen Gotteslästerungen?

 

Wie hat Amerika reagiert auf diese furchtbaren Anschläge?
Mit Krieg und Terror gegen den Irak. Mit Krieg in Afghanistan. Mit der Erklärung des totalen Krieges gegen Al-Quaida und die Terrornetzwerke. Mit Guantanamo und einem ungeheuren Sicherheitsapparat und –aufwand im zivilen Leben des Landes.
Nichts mehr mit dem freien Amerika und seinen unbegrenzten Möglichkeiten. Und an der Stelle der zerstörten Türme wird ein neuer Turm errichtet, der mit 541 Metern das höchste Gebäude Amerikas werden soll. Die Kriege und der weltweite Kampf gegen den Terror zehren inzwischen das Land aus.

 

Sind das die richtigen Antworten auf die furchtbaren Anschläge?

 

In der Schorndorfer Erklärung des „ökumenischen Montagsgebets für den Frieden der Welt“ vom 23. Juli 2007 heißt es gleich im ersten Satz:
„Der „Krieg gegen den Terror“, der nach dem 11. September 2001 erklärt wurde, kann nicht gewonnen werden, weil er selbst Terror ist und neuen Terror erzeugt.“

 

Nie hat sich die Bush-Regierung auch nur die Frage gestellt, warum Amerika so gehasst wird, warum es so entsetzlich angegriffen wurde! Und manche haben hinter den apokalyptischen Bildern der einstürzenden Türme mit den riesigen Rauchwolken eine noch gigantischere Gewaltwolke gesehen: die Atombombenwolken über Hiroshima und Nagasaki mit hunderttausenden Toten unter sich.
Seit Kain und Abel wütet Gewalt in der Welt, werden alle Probleme zuerst und zuletzt mit Gewalt „gelöst“. Aber nie ist das eine wirkliche Lösung, denn der Friede kommt nicht mit Gewalt, gleich gar nicht mit aller Gewalt!

 

JESUS hat mit der Macht der Gewaltlosigkeit eine Alternative, die Alternative aufgezeigt – und wir haben 1989 erlebt, was das bedeuten kann, wir sind dabei gewesen!
Wie die Alternative JESU „Keine Gewalt“ aus der Kirche auf die Straße kam und die Friedliche Revolution ohne Blutvergießen und im Gefolge die Einheit Deutschlands ohne Krieg und Sieg ermöglichte. Ein Wunder biblischen Ausmaßes...

 

Lassen wir uns also nie wieder und von niemandem einreden, es gäbe keine Alternative! Wenn wir JESUS beim Wort und das zu Herzen nehmen, sind wir vor dem Schlimmsten im Leben bewahrt: vor grundsätzlichen Fehlentscheidungen, vor Resignation und Hoffnungslosigkeit!

 

Aber immer wieder werden wir herausgefordert. ob wir den Weg des Friedens gehen, JESUS im Blick haben und Hass nicht mit Hass, Gewalt nicht mit Gewalt beantworten und dennoch widerstehen in GOTTES Namen!

 

Am 20. August 2011 war eine Neonazidemonstration vor dem Völkerschlachtdenkmal in Leipzig angemeldet, dieses Mal unter dem Motto „Völker zur Freiheit“. Wohin die Nazis die Völker zwischen 1933 und 1945 geführt haben, ist der Welt bekannt. In die Freiheit jedenfalls nicht, es sei denn, sie verstehen unter Freiheit Massengrab und Tod.
Wer kann denn heute da noch hingehen? Menschen, die Gewalt erfahren haben und nun selbst Gewalt ausüben, Angst auslösen wollen, um sich stark zu fühlen?

 

Menschen, die verbittert sind, einsam, keine Liebe erfahren, irgendwie reingeraten sind oder öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen, ihr leeres Leben füllen wollen – aber womit?

 

All diese falschen Wege, die wieder nicht zum Frieden führen, weder zum inneren noch zum äußeren Frieden. Junge Menschen, die wir dennoch nicht verloren geben dürfen, um die wir uns bemühen müssen!

 

Nun, dieses Mal ist es in Leipzig mit dem Aufmarsch nichts geworden. Aufgrund der vielen angemeldeten Gegendemonstrationen und Mahnwachen vor 35 Kirchen wurde von der Stadt der polizeiliche Notstand geltend gemacht, der Aufmarsch und alle Gegendemonstrationen untersagt. Erstaunlicherweise haben sich alle Anmelder durchgängig an das Verbot gehalten. So ist Gewalt an Menschen und Sachen vermieden worden.

 

Und das unvorstellbare Geschehen: Der Anschlag in Oslo am 22. Juli mit 8 Toten und die einstündige Hinrichtung von Jugendlichen auf der Ferieninsel Utøya mit 69 toten jungen Menschen. Unvorstellbar, grauenhaft. Verübt von einem intelligenten jungen Mann, der planmäßig und kaltblütig die Erschießung wehrloser Menschen ausführte. Sein rechtsextre-mistisches Gedankengebäude, religiös ähnlich wie Mohammed Atta motiviert, nur mit christ-lichem Vokabular und dem Ziel der Tötung Linker, Ausländer und Muslime, hat die Tat als notwendig begründet und lässt deswegen keinerlei Reue und Mitmenschlichkeit zu.

 

Wieder muss Gott herhalten zur Rechtfertigung dieser entsetzlichen Taten.
Wer aber hat in Wirklichkeit seine Gedanken gelenkt? Wie die USA auf den tödlichen Angriff 2001 reagiert haben, haben wir bereits gesagt und hinterfragt.

 

Wie reagiert Norwegen 2011? Ganz anders.
• Die 16jährige Helen Bösei Olsen rührte die Menschen im ganzen Land an als sie sagte:
„Wir haben viel Gewalt erlebt... Alle, die dort waren, haben jemanden verloren. Das habe ich auch. Ich habe meine Mutter verloren... Ich vermisse sie so schrecklich.“ „Aber wir wollen nicht Hass für den Täter empfinden, sondern uns auf die Liebe besinnen, die man für seine  Freunde hat, Liebe statt Hass.“
• Ministerpräsident Jens Stoltenberg sagte: „Weder dem Hass, noch der Gewalt, noch der Zwietracht wollen wir uns hingeben.“
• Und Kronprinz Haakon auf dem Rosenzug: „Heute Abend sind die Straßen mit Liebe gefüllt. Wir wollen Grausamkeit mit Nähe beantworten. Wir wollen Hass mit Zusammenhalt beantworten... Wir können uns dafür entscheiden, dass niemand allein stehen muss.“
Das ist es doch! Das ist die Antwort auf Gewalt im Sinne JESU!
Nicht den Hass aufpeitschen, nicht die Angst vergrößern, nicht in die Endlosschleife der Gewalt einschwenken.

 

So kommen die Füße auf den Weg des Friedens GOTTES, der höher ist als alle Vernunft und tiefer reicht als jede Angst, der die Herzen und Sinne bewahrt vor dem Absturz in Resignation und Hoffnungslosigkeit.
Und es ist sehr gut, dass die Welt auch diese Bilder sieht und diese Antworten auf Gewalt hört, die vom neuen Weg zeugen, vom Weg des Friedens GOTTES, von dem schon Zacharias gesprochen hat, den JESUS vorbildhaft gegangen ist. So wie dieser Weg des Friedens GOTTES auch in der gemeinsamen öffentlichen Erklärung von Christen, Juden und Muslimen nach dem Gottesdienst an der Kirchenstaffel sichtbar und hörbar wird!

 

Lasst uns am heutigen Tag die Wegerfahrung des Friedens GOTTES übernehmen und selber machen:
• Statt im Hass die Kräfte zu vergeuden – uns auf die Liebe zu besinnen, zu der wir fähig sind!
• Dem Hass und der Gewalt mit Nähe und Verantwortungsgefühl füreinander gegenüber zu treten!
Dazu einige praktische Regeln zum Kennen lernen und Befolgen: → 10 Punkte für Zivilcourage...1.-10. Wer möchte, kann diese 10 Punkte am Ausgang als Kopie erhalten!

 

So bleiben Hass, Krieg und Gewalt in allen Spielarten nicht mehr unwidersprochen, seit JESUS diesen neuen Weg des Friedens gegangen ist.

 

Alle geht das an, alle müssen das wenigstens wissen und von uns erfahren, an uns erleben! Wir hatten Gäste aus Papua Neuguinea bei uns in Leipzig. Und eine Frau sagte fassungslos: „Die Leute hier gehen ja sonntags gar nicht alle in die Kirche, die schlafen, die schlafen!“ Ja, es wird in Deutschland tatsächlich am Sonntagvormittag zu viel geschlafen. Da wird richtig viel verschlafen. Allerhand Christen verschlafen es sogar, ihre Kinder taufen zu lassen! Wir können doch nicht alles von den Atheisten erwarten!!

 

Und das ist doch klar: Die Menschen haben nichts gewonnen, wenn sie den Glauben verlieren. Und Glaube an GOTT ist allemal besser als Angst vor den Menschen  und ein alternativloses Leben!
Darum bitten wir heute erneut um die Alternative, den neuen Weg, den JESUS uns eröffnet hat: „Lenke unsere Füße auf den Weg des Friedens!“   Und keine Angst:

 

„Die neuen Tage öffnen ihre Türen.
Sie können, was die alten nicht gekonnt.
Vor uns die Wege, die ins Weite führen:
Den ersten Schritt. Ins Land. Zum Horizont.
Wir wissen nicht, ob wir ans Ziel gelangen.
Doch geh’n wir los. Doch reiht sich Schritt an Schritt.
und wir versteh’n zuletzt: das Ziel ist mitgegangen,
denn DER den Weg beschließt und DER ihn angefangen,
der HERR der Zeit geht alle Wege mit.“  (Klaus-Peter Hertzsch)

Amen
Pfarrer em C. Führer / 11.09.2011

Gedicht zur Predigt

Frieden ist nicht nur ein Wort
von Betty Radzio


Friede - ein verlockendes Wort
Friede von Gott für die Erde gedacht
von Menschen gewünscht ersehnt
läuft menschliches Bemühen
leider oft fehl

zwischen den Völkern
den Religionen den Kulturen –
und all zu oft auch unter uns.
Denn Friede ist nicht nur ein Wort Frieden braucht
unser Tun –

Braucht unser ganzes Wollen
eigene Fehler zu sehen
des anderen Bedürfnisse Handeln
und Denken aus seiner Sicht
zu verstehen -

Braucht Auseinandersetzung
und befruchtenden Austausch
nicht nur Friedensworte und Harmonie. Denn Friede ist nicht nur ein Wort Frieden braucht
unser Tun -

Braucht Achtsamkeit und Geduld
neue Wege im weiten Raum
sich fallen lassen in Gottes Geist
und mit sich selbst in
Frieden sein -

Braucht unseren Mut aufzustehen
gegen Machtinteressen Gelddiktat Hunger Armut Krieg und Gewalt.
Denn Friede ist nicht nur ein Wort Frieden braucht
unser Tun -

Und wie der Keim der Pflanze verkrusteten Boden durchbricht -
und die Rose Blatt für Blatt entfaltet
ihre geheimnisvolle Knospe
zu strahlender Schönheit
und voller Blüte

so wird auch dann irgendwann
der wahre Frieden erblühen
wenn unbeirrt und fest genug
darauf gerichtet der
Menschheit Sinn -

Und Friede wird dann nicht länger
sein nur ein leeres Wort
sondern Frieden wird
Wirklichkeit werden
auf aller Erden
und er sollte
dauerhaft
sein.